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Mittwoch, 12. Oktober 2011

Lemanozentrisch

Im Zusammenhang mit den welschen Kandidaten der SP, die sich für die Bundesratswahlen im Dezember in Stellung bringen, habe ich ein neues Wort gelernt: lemanozentrisch. Dank einem Radiobeitrag weiss ich jetzt auch mehr über die Regionen der französischen Schweiz und ihr Selbstverständnis.

Für diesen Erkenntnisgewinn sorgte die Sendung Die Woche in Tessin und Romandie auf DRS4. Der Freiburger SP-Ständerat Alain Berset, der letzte Woche seine Ambitionen auf die Nachfolge von Bundesrätin Micheline Calmy-Rey angemeldet hat, habe das Problem, dass er nicht aus dem Genferseebogen stamme, sagte Ron Hochuli von Radio Suisse Romande.

Der bipolare Metropolitanraum am Nordufer des Genfersees bildet das urbane Zentrum der Romandie. Quelle: Raumkonzept Schweiz vom Bundesamt für Raumentwicklung

Auf die Frage, wie der l' arc lémanique, der Metropolitanraum zwischen Genf und Lausanne, seinen Anspruch auf einen Bundesratssitz begründe, sagte Hochuli, die Wirtschaft der Region sei in den letzten Jahren noch stärker gewachsen als im Metropolitanraum Zürich. Ein solche Region mit 1.2 Millionen Einwohner müsse doch einfach im Bundesrat vertreten sein, hiesse es in diversen Berichten welscher Medien. Was denn der Rest der Romandie von dieser unverblümten Forderung halte, wollte der Interviewer wissen. Das sei typisch lemanozentrisch — offensichtlich das welsche Pendant zum deutschschweizerischen "zürilastig".

A propos Metropolitanregionen: In einem Artikel mit dem Titel Metropolitanregionen und potenzialarme Räume: Die beiden Pole der regionalen Wirtschaftsentwicklung schrieb der Think-Tank "avenir suisse":

"In den vier grossen Metropolregionen werden auf nur 10% der Landesfläche nahezu zwei Drittel (59%) des Schweizer Bruttoinlandsprodukts (BIP) erwirtschaftet. Die mit Abstand bedeutendste Metropolregion ist Zürich, mit einem Anteil von knapp einem Drittel (29%) an der nationalen Wertschöpfung. Es folgen die Metropolregion Genf-Lausanne mit 14% und Basel mit 10%. Somit wird alleine in den drei grossen Metropolregionen Zürich, Arc Lemanique und Basel auf kleinstem Raum die Hälfte des Nationaleinkommens generiert. In deutlicher Distanz zu dieser Spitzengruppe findet sich die viertgrösste Metropolregion Bern, mit lediglich einem Zwanzigstel des schweizerischen BIPs."



Und die Grafik im selben Artikel zeigt: Tatsächlich ist nur in Basel das BIP noch stärker gewachsen als im Genferseebogen. Und das nur unterdurchschnittliche Wachstum des BIP im Metropolitanraum Zürich erklärt der Artikel mit zwei Finanzkrisen (2001 und 2009) sowie dem Swissair-Grounding.

Der Genferseebogen ist das wirtschaftliche Zentrum der Romandie, von dem auch das Walliser Chablais und grosse Teile des Kantons Freiburg profitieren könnten, erklärt Hochuli weiter. In diesem zweiten Kreis würden sich dank noch zahlbarem Wohnraum gut verdienende Steuerzahler ansiedeln, die an den Genfersee pendeln. Neuchâtel liegt an der Grenze zum dritten Kreis, der die peripheren Gebiete der Romandie umfasst: den Jura und grosse Teile des Wallis.

Dass diese "Rand-Romandie", die vom Boom am Genfersee gar nichts abbekommt, für die lemanozentrischen Ansprüche auf einen ständigen Sitz im Bundesrat kein Verständnis hat, sie gar als arrogant empfindet, finde ich nachvollziehbar, obwohl ich auch der Ansicht bin, dass urbane Anliegen und Probleme der grossen Städte und Agglomerationen in der föderalen Struktur der Schweiz zu wenig Gewicht haben.

Montag, 10. Oktober 2011

Streifenhimmel und erster Schnee

Von unseren Dachfenstern sind immer wieder tolle Abendstimmungen zu sehen, gestern zum Beispiel dieser Streifenhimmel nach einem verregneten Wochenende:



Der Temperatursturz brachte auch den ersten Schnee am Pilatus. Zu sehen ist auch das beleuchtete Château Gütsch, das aus seinem Dornröschenschlaf erwacht ist:

Sonntag, 9. Oktober 2011

Das Ende eines nationalen Symbols

Letzten Sonntag jährte sich das Grounding der Swissair zum zehnten Mal. Die Medien beschäftigten sich noch einmal eingehend mit der grössten Firmenpleite der Schweiz und mit der Frage, ob das Ende der einst so stolzen Swissair zu verhindern gewesen wäre — eine Frage, die mich als Sohn eines Swissairlers, der vierzig Jahre für diese Firma gearbeitet hat, nicht kalt lässt.

Aus aktuellem Anlass zeigte das Schweizer Fernsehen noch einmal den Doku-Thriller Grounding - die letzten Tage der Swissair von Michael Steiner, der im Januar 2006 in die Kinos kam:


Auch im Trailer von "Grounding — die letzten Tage der Swissair" sind die aufwühlenden Bilder nochmals zu sehen, die vor zehn Jahren um die Welt gingen: eine ganze Flotte am Boden, Massen gestrandeter Fluggäste, wütende Passagiere, die ihre wertlos gewordenen Tickets zerreissen, protestierende Piloten...


Das Grounding des nationalen Symbols kam nicht aus heiterem Himmel, dennoch war es unerwartet: Am 2. Oktober 2001 musste die Schweiz ungläubig zur Kenntnis nehmen, dass die "fliegende Bank" wegen Zahlungsunfähigkeit ihren Flugbetrieb einstellen musste. Was für ein Imageschaden für die reiche Schweiz!

Doch was und wer war schuld an diesem Debakel, bei dem 22 Milliarden Franken vernichtet wurden?
  • Die fehlende Integration der Schweiz in den EWR: Der EWR-Beitritt, der 1992 vom Schweizer Stimmvolk abgelehnt wurde, hätte die Benachteiligung der Swissair im EU-Raum beendet.
  • Das Scheitern des Fusionsprojekts Alcazar: Der 1993 an nationalen Widerständen gescheiterte Verbund hätte Swissair, AUA, SAS und KLM für US-Partner-Airlines attraktiv gemacht.
  • Das Fehlen von Allianzen, die am liberalisierten Himmel immer wichtiger wurden: Die Swissair wollte weder bei SkyTeam (Air France, Delta) noch bei der Star Alliance (Lufthansa, United) mitmachen und gründete stattdessen 1998 die Qualiflyer Group.
  • Die Hunter-Strategie von CEO Philippe Bruggisser: Um die Nachteile des Alleingangs wett zu machen, beteiligte sich die SAirGroup an zahlreichen maroden Airlines (Sabena, LTU etc.) und geriet deshalb im Sommer 2000 in finanzielle Schieflage.
  • Die Untätigkeit des Verwaltungsrats: Viel zu lange unterstützten die Verwaltungsräte die riskante Hunter-Strategie und hatten das unübersichtliche Geflecht von 260 Einzelfirmen nicht im Griff.
  • Die Feigheit des Verwaltungsrats: Als es brenzlig wurde, trat der Schönwetter-Verwaltungsrat im März 2001 geschlossen zurück. Einzig Mario Corti, damals Finanzchef von Nestlé, blieb und versuchte, die SAirGroup zu rekapitalisieren.
  • Die mangelnde Unterstützung der Banken: Am 10.9.2011 liess die UBS die Swissair fallen und kündigte ihr den Cash-Pool der 260 Firmen per Ende Oktober. Und die CS verfolgte zusammen mit der Crossair eigene Pläne. Ospel, Mühlemann & Co. ging es nicht um die Rettung der Swissair, sondern um Macht und Prestige.
  • 9/11: Nach den Attentaten blieb der US-Luftraum tagelang gesperrt, die Passagierzahlen brachen weltweit ein und die Aktienkurse der Fluglinien sanken um 20 bis 30 Prozent, was der angeschlagenen Swissair den Rest gab.
  • Die dubiose Rolle von Moritz Suter: Mit immer neuen Plänen versuchte der Crossair-Gründer sein Lebenswerk zu erhalten und sabotierte die Rettung der Swissair. Die erste Airline, die am Tag des Groundings das Code-Sharing aufkündigte, war ausgerechnet die Crossair.
  • Schliesslich die mangelnde Hilfsbereitschaft der Bundes: Hätte der Bund den Notkredit von 450 Millionen Franken, mit dem am 5.10. der Flugbetrieb wieder aufgenommen wurde, ein paar Tage früher gewährt, hätte das Grounding vermieden werden können.
Fazit: Mit etwas gutem Willen hätten die Banken und der Bund das fatale Grounding verhindern, den Imageschaden der gesamten Schweiz vermeiden und das nationale Symbol retten können.

Bitter stellt Mario Corti fest: "Im Fall der Swissair, wo es keine kriminellen Aktivitäten gab, tat man nichts, um das Ganze zu retten — und alles, um die Verantwortlichen vor Gericht zu bringen. Im Fall UBS, wo es in den USA wirklich kriminelle Aktivitäten gab, tat man alles, um das Ganze zu retten, und nichts, um in der Schweiz die Verantwortlichkeiten gerichtlich zu klären." (TA vom 1.10.2011)

Heute ist Mario Corti Fluglehrer in den USA und die Swiss als Nachfolgerin der Swissair die erfolgreichste Tochter-Airline der Lufthansa und Mitglied der Star-Alliance. Die Swiss hat heute mehr Flugzeuge und transportiert mehr Passagiere als die Swissair in ihren besten Zeiten.

Freitag, 7. Oktober 2011

Nostalgische Goldküsten-Wanderung

Zehn Jahre lang habe ich am Zürichsee gewohnt und gearbeitet. Eine Einladung nach Männedorf brachte mich letzten Sonntag zurück an die erweiterte Goldküste*). Der schöne Altweibersommer veranlasste uns, früher aufzubrechen und eine kleine Wanderung zu machen — für mich ein nostalgischer Trip in die Vergangenheit.

Hier die Route unserer Wanderung von Feldbach bis Männedorf:

Zum Vergrössern auf die Karte klicken! Quelle der Karte: map.geo.admin.ch

1 Voralpen-Express

An einem goldenen Herbsttag ist schon die Anfahrt mit dem Voralpen-Express von Luzern nach Rapperswil ein Erlebnis: Landschaftlich ist die Strecke eine Augenweide. Von Rapperswil geht es mit der S7 weiter nach Feldbach.

2 Gmüesgarte Schirmensee

Hier produziert**) Gemüsebauer Mark Gnant Biogemüse, das er im Abo frei Haus liefert. An das wöchentliche Gemüsekistchen, das immer gut für eine Überraschung war, denke ich mit Wehmut zurück: Seit ich nicht mehr in Stäfa wohne, wünsche ich mir wieder solch knackiges, geschmackvolles und lang haltbares Gemüse, das ohne Aufwand nach Hause geliefert wird. Mark ist aber auch ein Charakterkopf: Einer Kundin, die an seinem Marktstand nach Bärlauch fragte, beschied er cool, Bärlauch habe er nicht, den könne sie im Wald holen.

3 In der letzten S-Bahn eingeschlafen

Einmal bin ich in der letzten S-Bahn von Zürich nach Stäfa eingenickt und erst wieder aufgewacht, als die S7 die Station schon wieder verliess. In der Folge musste ich die Strecke von Uerikon nach Stäfa zu Fuss zurückgehen. Jedes Mal, wenn ich da vorbeikomme, muss ich peinlich berührt an diese unfreiwillige Nachtwanderung denken.

4 Kindliche Wegelagerer

Vor Jahren war ich Housesitter in Uerikon. Auf der steilen Treppe, die dem Rebberg entlang aufwärts führt, wurde ich auf dem Weg zum Haus, das ich hütete, von Kindern aufgehalten, die ultimativ einen Wegzoll forderten. Wir seien nicht mehr im Mittelalter, wo man an jeder Ecke einen Zoll entrichten musste, sagte ich ihnen und drängte mich vorbei. Da waren sie ein bisschen enttäuscht, hatte es doch bei der älteren Frau, die vor mir die Treppe raufstieg, noch wunderbar geklappt — sie hatte ohne Murren ihr Portemonnaie gezückt und einen Obulus bezahlt.

5 Auch Goethe war hier

Der Blick von der Sternenhalde auf den Stäfner Ortsteil Kehlhof und den Zürichsee...

...und zurück Richtung Uerikon, Rapperswil und die Inseln Lützelau und Ufenau.


Dass Johann Wolfgang von Goethe 1797 bei seinem Aufenthalt in Stäfa vom Goethebänkli aus diesen grossartigen Blick auf den Zürichsee, die Insel Ufenau, den Etzel und die Alpen genoss, ist anzunehmen, aber nicht belegt. Sicher ist nur, dass die Bank damals noch nicht Goethebänkli hiess...

6 Umkämpfter Stäfner Stein

Dieses Bild vom März 1909 zeigt die Untiefe beim Stäfner Stein bei historisch tiefem Wasserstand. In der Regel ragt nur der grosse Stein hinten rechts aus dem Wasser. Bild von der Facebookseite Der Stäfner Stein

Der Stäfner Stein ist Ziel mancher Bootsfahrt, aber auch von SchwimmerInnen, die von der Liegewiese beim Kehlhof etwa 250 Meter hinausschwimmen, um auf der Untiefe mitten im Zürichsee im nur knietiefen Wasser herumzuwaten und sich zu fühlen wie Jesus, der übers Wasser geht. Lange Zeit war der Stein in den Rastafarben grün - gelb - rot angemalt und mit einem Hanfblatt verziert. Dann plötzlich war der Stein rot gestrichen und mitten drauf prangte ein weisses Schweizerkreuz. Doch der patriotische Spuk dauerte nur ein paar Wochen, dann setzte die Kifferfraktion ihre Farbgebung wieder durch. Welche Bemalung jetzt gerade aktuell ist, weiss ich leider nicht.

Der Stäfner Stein auf Google Maps

Vor rund zwanzig Jahren sind wir mit meinem Göttibub, der damals etwa vier war, zum Stäfner Stein hinaus gerudert. Auch mit gut Zureden konnten wir Erwachsenen ihn nicht zum Aussteigen bewegen. Und als wir alle aus dem Boot stiegen, um ihm zu zeigen, wie untief das Wasser beim Stäfner Stein ist, ergriff ihn die Panik. Es blieb uns nichts anderes übrig, als wieder zurück ins Boot zu steigen und ihn zu beruhigen...

7 Guter Wein mit gruseliger Etikette

Unterhalb des Stäfner Friedhofs wächst der "Totenbeinler", ein guter Pinot noir — nur der Name und die Weinetikette sind etwas gruselig:


Die reformierte Kirche von Stäfa und der Totenbeinler mit dem Sensemann auf der Etikette. Bild- und Bezugsquelle: www.muehlestaefa.ch


Während zwei, drei Jahren habe ich sporadisch auf dem Weinbaubetrieb von Stefan Reichling mitgeholfen, Netze über die Reben zu spannen und wieder herunterzuholen, Trauben zu ernten und Wein abzufüllen. Das war strenge Arbeit, hat aber auch Spass gemacht — vor allem wenn der Lohn kam, den ich mir in Form von Wein auszahlen liess.

8 Aufmüpfiges Stäfa — militärisch besetzt

Unter dem Einfluss der Aufklärung und der französischen Revolution wurde 1794 in der Stäfner Lesegesellschaft das Stäfner "Memorial" verfasst, das selbstbewusst mehr Rechte und Freiheiten für die Landbevölkerung forderte. Doch die Zürcher Regierung wollte auf diese Forderungen nicht eingehen und verwies 1795 die Verfasser des Memorials des Landes. Als sich dann die Landbevölkerung mit den Stäfnern solidarisierte und ein Aufstand zu befürchten war, bot die Regierung 4000 Mann auf und liess Stäfa militärisch besetzen. Als Kanonen auf dem Kirchbühl aufgestellt wurden, war der Widerstand der Landleute gebrochen, doch auch die Zürcher Regierung konnte sich nur noch bis 1798 halten, als die Franzosen in Zürich einmarschierten. Der "Stäfner Handel" fand als Vorbote der Helvetischen Revolution weit über die Landesgrenzen hinaus Beachtung. Eine etwas detailliertere Darstellung dieser interessanten Geschichte findet sich auf Wikipedia.

9 Das Kulturkarussell dreht sich und dreht sich

Im Rössli Stäfa, das lange Zeit eine genossenschaftlich geführte Beiz war (die Genossenschaft wurde nur wenige Monate nach der Genossenschaft Kreuz in Solothurn gegründet), hatte ich in den 90er Jahren meine erste Stelle als Kulturveranstalter. Das Kulturkarussell, das während der Saison wöchentlich eine Veranstaltung durchführt, dreht sich immer noch. Damals hatten wir noch mehr Theater und Tanztheater auf dem Programm, heute veranstaltet das Kulturkarussell fast nur noch Konzerte. Seit 1997 hat das Kulturkarussell eine Homepage, für deren Update ich bis diesen Sommer zuständig war — auch das animierte Rössli, das nun bald 15 Jahre unermüdlich über die Startseite der Homepage galoppiert, soll nun bald pensioniert werden:


10 Eine Walpurgisnacht mit Folgen

Die Walpurgisnacht am 30. April ist für Veranstalter ein ideales Datum für eine Party, weil viele am 1. Mai frei haben und ausschlafen können. Darum hat sich das Kulturkarussell in den 90er Jahren für die Walpurgisnacht etwas Besonderes einfallen lassen: 1992 oder 1993 war es ein grosses Feuer und eine Performance auf einer Wiese beim Hexentanz (Stäfner Flurname).


Häxentanz ist in ein Flurname in Stäfa. Quelle der Karte: map.geo.admin.ch


In der Folge kürzte die Gemeinde Hombrechtikon ihren Beitrag ans Kulturkarussell mit der Begründung, wir würden heidnische Bräuche wieder aufleben lassen. Wahrscheinlich landen deshalb in Hombrechtikon die Harry-Potter-Bücher auf dem Scheiterhaufen...

11 Kino Wildenmann wird digital

Auch in Männedorf, dem Ziel unserer Wanderung, gibt es einen Kulturbetrieb für den ich gearbeitet habe: im Kino Wildenmann, das 1998 nach einem Brand wie der Phönix aus der Asche neu erstand, war ich jahrelang als Aushilfsoperateur tätig. Dieses genossenschaftliche Dorfkino hat zur Zeit ein recht grosses Problem: Der analoge 35mm-Film ist ein Auslaufmodell, die Kinowelt wird digitalisiert und Filmkopien sind bald nur noch in digitaler Form zu haben. Diese Digitalisierung bringt gerade den kleinen "Landkinos" grosse Vorteile: Sie bekommen die Filme früher, die Programmation wird flexibler (Filme, die gut laufen, können länger gezeigt werden), der technische Aufwand verringert sich (das Zusammensetzen und Auseinandernehmen der Filmrollen entfällt) und die Projektion ist makellos. Aber: Die Umstellung auf digitale Projektion ist teuer. Zu hoffen ist, dass die Genossenschaft Kino Wildenmann das notwendige Geld auftreiben kann und die Lichter im Dorfkino nur ausgehen, wenn der Film beginnt.

*) Goldküste ist die gängige Bezeichnung für die reichen Gemeinden am rechten Zürichseeufer bis etwa Meilen. Stäfa, mein ehemaliger Arbeits- und Wohnort ist noch etwas weiter von Zürich entfernt, aber auch recht wohlhabend. Das gegenüber liegende Ufer ist etwas weniger wohlhabend und hat den Übernamen Pfnüselküste (Pfnüsel = schweizerdeutsch für Schnuppen), weil die Gegend etwas schattiger ist als die Goldküste.

**) Hier wäre die Vergangenheitsform angebracht. In einem Kommentar hat Mark mich darauf hingewiesen, dass er die Produktion von Biogemüse inzwischen eingestellt hat.

Montag, 3. Oktober 2011

Urban knitting — Kunst, Werbung oder Unfug?

Urban knitting hat nun auch die Schweiz erreicht: Unter dem Motto "Wool up the city" haben rebellische Strickerinnen und Stricker in Zürich, Lugano und Genf den öffentlichen Raum bestrickt. Auf der Facebookseite Urban Knitting CH gibt es Dutzende Fotos von dieser Strassenkunstaktion.

In meinem Beitrag Kann Stricken Kunst sein? (meinem zweitmeist gelesenen Eintrag) habe ich im Januar schon einmal über Urban Knitting geschrieben. Interessant ist jetzt, wie die Öffentlichkeit in der Schweiz auf diese hierzulande neue Streetart reagiert.

Ganymed am Zürcher Bürkliplatz friert dank Minirock etwas weniger — der Adler wirkt dank Schärpe noch etwas eleganter... Bildquelle: Urban Knitting CH

Bis jetzt hat die urbane Strickerei in der Öffentlichkeit noch keine grossen Wellen geworfen. Hauptgrund dafür ist wohl, dass Polizei und Stadtreinigung in allen drei Städten die Strickkunst binnen weniger Stunden wieder entfernt haben. Diskussionen unter den Urban Knitters hat das Materialsponsoring des Warenhaus Manor ausgelöst, das über 100 Stricksets mit Wolle und Nadeln zur Verfügung gestellt hat. Diese Unterstützung kam nicht bei allen gut an: "Missbrauch künstlerischer Strategien, um der Kommerzialisierung des öffentlichen Raums Vorschub zu leisten" (vgl. TA vom 1.10.2011), "billige Werbung" oder "a publicity stunt for Manor/Placette" hiess es etwa in den Internetkommentaren.

Kritisiert wurde auch, dass die Strickkunst nicht auf die bestrickten Objekte im öffentlichen Raum massgestrickt wurden. "Standardisierte Maschinenblätze mit groben Stichen um eine Bank gewickelt?? Das ist definitiv nicht die Ursprungsidee der total kreativen Urban knitting-Community! Sorry Manor, aber da könnt ihr nicht mithalten!!", schrieb Ronja Sakata in einem Facebook-Kommentar auf Urban Knitting CH.

"Auch wenn mit Urban Knitting nichts beschädigt wird, ist es nicht erlaubt." sagte der Sprecher der Zürcher Stadtpolizei zum Tagi. Entweder handle es sich um eine illegale Benutzung des öffentlichen Grunds zu Werbezwecken oder um Unfug. Die VerursacherInnen würden so oder so verzeigt. Für die Polizei ist Urban Knitting also illegale Werbung oder Unfug. Und für mich ist nicht jedes maschinengestrickte Wollenviereck, das im öffentlichen Raum platziert wird, automatisch Kunst — allenfalls ist es Teil eines Strick-Happenings.

Donnerstag, 29. September 2011

Emmi gut — alles gut?

Am 5. April habe ich über ein drohendes Kulturpolitisches Déja-vu geschrieben — kommt es jetzt zu einem Happy End?

Wie das Regionaljournal Zentralschweiz von Radio DRS berichtet, wurde an einem runden Tisch eine Einigung im Streit um das Bauprojekt vom Emmi erzielt. Die BetreiberInnen der betroffenen Kulturbetriebe Treibhaus und Theaterpavillon, die gegen das Bauprojekt rekurriert haben, haben sich mit dem Milchverarbeiter Emmi und der Stadt Luzern an einen Tisch gesetzt und gemeinsam mit einem Mediator Lösungen erarbeitet.

Die Butterzentrale spiegelt sich im 2008 eröffneten Theaterpavillon — gefährden die geplanten Wohnbauten den neuen Kulturbetrieb oder ist mit der erzielten Einigung alles wieder in Butter? (Bild: Theaterpavillon auf Google+)

Herausgekommen ist ein Dienstbarkeitsvertrag, der die künftigen BewohnerInnen der Emmi-Überbauung verpflichtet, die Lärmimmissionen der benachbarten Kulturbriebe zu dulden, so lange sie den gesetzlichen Rahmen nicht überschreiten. In einer zusätzlichen Vereinbarung verpflichtet sich Emmi zu baulichen Massnahmen, um die Immissionen minimieren, und die Stadt hilft den beiden Kulturbetrieben, Ruhe und Ordnung einzuhalten. Sollte es dennoch zu Lärmklagen kommen, müssten sich die KlägerInnen zuerst an eine Schlichtungsstelle, dann an ein gemeinsamen runden Tisch wenden. Im Gegenzug für diese Einigung haben die beiden Kulturbetriebe ihre Rekurse gegen das Emmi-Projekt zurückgezogen. Gestern bewilligte die Stadt das Bauprojekt.

Es herrscht also wieder Friede, Freude, Eierkuchen, aber ob alles wieder in Butter ist, wird sich in der Praxis erst noch zeigen müssen, denn Konflikte um nächtlichen Menschenverhaltenslärm sind vorprogrammiert.

Montag, 26. September 2011

Kaiserwetter und Nebelsee

Heute sei Kaiserwetter angesagt, sagte mein Vater heute früh. Kaiserwetter? Ein Wort, das wir in der republikanischen Schweiz nicht kennen. Mein Vater aber kennt es wahrscheinlich von meiner Mutter, die grösstenteils in Österreich und Deutschland aufwuchs.

Ich konnte mir zwar vorstellen, was Kaiserwetter ist, wusste aber nicht warum sonniges Wetter bei tiefblauem, wolkenlosem Himmel mitunter als Kaiserwetter bezeichnet wird. Auf die Sprünge half mir wieder einmal Wikipedia: Die Redensart gehe auf die Kaiserzeit zurück. Kaiser Wilhelm II. (1859 - 1941) sei bekannt dafür gewesen, dass er sich (fast) nur bei Sonnenschein an öffentlichen Anlässen zeigte. Der erste deutsche Medienstar war sich wohl bewusst, dass die begrenzten technischen Möglichkeiten der damaligen Foto- und Filmkameras es nur bei Sonnenschein und klarem Wetter erlaubten, gute Aufnahmen von ihm zu machen. Kaiserwetter herrscht also dann, wenn Kaiser Wilhelm in gutem Licht erscheint.

Am Morgen um 8 Uhr war jedoch noch kein Kaiserwetter, vielmehr war aus unserer Dachwohnung ein Mini-Nebelmeer zu beobachten, das man wohl besser als Nebelsee bezeichnen sollte und sich schon eine Stunde später aufgelöst hatte:

Dachpanorama vom 26. September 2011: oben bläulich, unten gräulich — zum Vergrössern aufs Bild klicken!

Sonntag, 18. September 2011

Kulturelle Zwischennutzungen als Pioniere der Stadtentwicklung

Kulturelle Zwischennutzungen können durchaus lukrativ sein — sie generieren nicht nur Mieterträge in planungsbedingten Übergangsphasen, sondern machen auch No-Go-Areas wieder salonfähig und werben für Areale, die einer neuen Nutzung zugeführt werden. Im Gegenzug entstehen kulturelle Freiräume, die zu einigermassen günstigen Mieten genutzt werden können.

Als Beispiel für die kulturelle Zwischennutzung eines Entwicklungsgebiets dient das Maag-Areal, das durch die S-Bahn-Station Zürich-Hardbrücke, den Autobahnzubringer Pfingstweidstrasse und die Westtangente (eine der wichtigsten Verkehrsachsen Zürichs) verkehrsmässig optimal erschlossen ist.

Die Galerie Peter Kilchmann, die schon in meinem letzten Beitrag über die Kunstgalerien als Indikatoren für Trend-Quartiere vorgekommen ist, gehört nach zwei Zwischennutzungen im Schoeller- und Löwenbräu-Areal zu den "definitiven" Nutzern des Maag-Areals.

Die Adresse der Galerie, Zahnradstrasse, weist auf das Produkt hin, das auf dem Maag-Areal ursprünglich hergestellt wurde: Zahnräder. 1913 gründete der Maschineningenieur Max Maag in der ehemaligen Autofabrik "Safir" eine Zahnradfabrik. 1928 begann die Maag Zahnräder AG mit der Herstellung von Pumpen. Schon bevor die Maag Pump Systems Textron AG 2004 ihre Produktion nach Oberglatt verlagerte, begannen Planung und kulturelle Zwischennutzung des Areals. Es zogen Architekturbüros, Grafikateliers, Internetbuden und so weiter ein. Ein grosser Teil des verkehrsmässig hervorragend erschlossenen Areals wird nach wie vor als Eventlocation genutzt: Hier produzierte das Schweizer Fernsehen "MusicStar", hier wurden mehrere Musicals gezeigt. Die Eventplattform ist derart erfolgreich, dass diese Nutzung zu einem Providurium werden könnte.


Das Foto aus der fahrenden S-Bahn zeigt den brandneuen Prime Tower auf dem Maag-Areal, davor den Containerturm, in dem der Zürcher Freitagtaschenshop untergebracht ist, in der Mitte die Rampe auf die Hardbrücke, rechts die Verwaltungszentrale der Zürcher Kantonalbank aus den 70er Jahren und dahinter den soeben eröffneten Mobimo-Tower.


Freitag geht, Ernst & Young kommt

Auf den Industriearealen, die in Zürich-West in Büro- und Luxuswohnzonen für den Finanzplatz umgewandelt werden, herrscht ein Kommen und Gehen: Wenn die Phase der Zwischennutzung zu Ende ist, ziehen die weniger zahlungskräftigen Nutzungen weg, es wird abgerissen und neu gebaut, allenfalls auch umgebaut, und dann ziehen die neuen lukrativeren Nutzungen ein. So auch auf dem Maag-Areal: Während die Beraterfirma Ernst & Young mit 1000 Arbeitsplätzen in den Neubau "Platform" eingezogen ist, zieht die Taschenproduktion der Freitag lab AG nach Zürich-Oerlikon — interessanterweise nicht in eine weitere Zwischennutzung, sondern in einen eigens erstellten Neubau NOERD, in dem die Freitag AG als Hauptmieter vieles mitbestimmen konnten.


So wurde die Industrie vom Maag-Areal wegverlagert: Die Maag Pump Systems nach Oberglatt, die Freitag lab AG nach Zürich-Oerlikon. Zur Karte auf Google Maps.


Im nächsten Beitrag:
Ein Kunstklotz als Werbung für Luxuswohnungen
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