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Samstag, 17. September 2011

Kultur als Triebfeder der Stadtentwicklung

Dieser Eintrag wurde immer umfangreicher — und doch nie fertig. Damit er mich nicht noch länger blockiert, habe ich mich entschlossen, ihn häppchenweise zu publizieren. Wahrscheinlich steckt einfach zu viel Herzblut drin...

Kultur wird gezielt eingesetzt, um die Veränderung einer Stadt oder eines Quartiers voranzutreiben. Das war meine These für eine Führung durch Zürich-West, ein ehemaliges Industriequartier das sich in den letzten Jahren zünftig verändert hat.

Die Führung, die ich Ende Juli für eine Freundin mitorganisiert habe, begann in der Galerie Peter Kilchmann:

"Perennial Affairs", Einzelausstellung des Amerikaners Hernan Bas, 11.6. - 30.7.2011, Quelle: www.peterkilchmann.com

Galerien als Indikatoren für Trend-Quartiere

Galerien siedeln sich in den angesagten Vierteln einer Stadt. Vielleicht helfen sie sogar mit, ihren Standort aufzuwerten — ein Interesse daran hätten sie auf jeden Fall. In der Galerie Peter Kilchmann lag eine A5-Karte mit den Galerien im Kreis 5 auf. Und im Internet bin ich auf diese Karte gestossen:

Quelle: www.dzg.ch

Die Karte zeigt die Standorte von 63 Galerien, die sich im Verein Die Zürcher Galerien zusammengeschlossen haben. Und sie zeigt, dass Galerien sich tendenziell in Zürichs Cityerweiterungsgebieten gehäuft ansiedeln: türkis = das gentrifizierte, ehemalige Arbeiterquartier Zürich-Aussersihl, violett = die ehemalige Nobelvorstadt Zürich-Enge sowie die ehemalige Industriezone um den Bahnhof Giesshübel, grün = das Gebiet um den Bahnhof Stadelhofen, das Teile der Altstadt, des trendigen Seefelds und des reichen Zürichbergs umfasst, rot = ehemals industriell genutzte Gebiete im Kreis 5 / Zürich-West. Die Galerie Peter Kilchmann ist die 54 auf der Karte oben links.

Im nächsten Eintrag:
Kulturelle Zwischennutzungen als Pioniere der Stadtentwicklung

Dienstag, 16. August 2011

Eine Viehherde auf Kreuzfahrt

Der Lokaltermin am Wellenberg und auf der Bannalp war uns ein willkommener Anlass für eine schöne Wanderung von Nidwalden über die Sinsgäuer Schonegg in den Kanton Uri und für einige Überlegungen zur Alpwirtschaft.

Hier die Route unserer Wanderung von der Chrüzhütte im Kanton Nidwalden über die Sinsgäuer Schonegg nach Gitschenen im Kanton Uri:

Zum Vergrössern auf die Karte klicken! Quelle der Karte: www.top-of-uri.ch. Auf dieser Website, die sich "Bergportal Uri" nennt, gibt es zahlreiche Informationen, Tipps für Ausflüge und Wandervorschläge mit Karten und Routenbeschrieben.

1 Geplante Sondierbohrung der NAGRA
Vgl. Wandert in der Schweiz solang es sie noch gibt

2 Stausee auf der Bannalp
Vgl. Der Kampf um Bannalp

3 Start bei der Chrüzhütte

Nach der Fahrt mit der Zentralbahn nach Wolfenschiessen und dem Postauto nach Oberrickenbach haben wir die Luftseilbahn zur Chrüzhütte genommen und uns einen stotzigen Aufstieg von 800 Höhenmetern erspart. Oben angekommen, drängte Frau Frogg zum Aufbruch, doch da war noch dieser Berg mit dieser eigenartigen Form. Hatte der Riese Timpetu vor Urzeiten wieder einmal im Sandkasten gespielt?

Der Weg führte uns zuerst hangparallel, dann leicht absteigend in das Tal unterhalb der Lücke, über die wir ins Urnerland wandern wollten — Frau Frogg riskiert schon einmal einen ersten Blick:



4 Alpkäsedegustation

Nach einer Stunde erreichten wir die Haghütte, wo wir schon richtig Durst hatten und den Alpkäse degustierten, den wir kaufen wollten. Die Älplerin erklärte uns, warum sie ihren Käse direkt vermarktet: Der Verkauf über den Detailhandel würde sich nicht rentieren, zu viel vom Erlös bleibt beim Zwischenhändler. Und sie ärgert sich über die Vorschrift, dass sie auf der Alp pro Kuh nur ein Schwein haben dürfe. Mit der Schotte, die bei der Käseproduktion anfällt, könnte sie mehr Schweine füttern...

5 Keine Alp ohne Bähnli

Alpwirtschaft ist ohne die zahlreichen Seilbahnen nicht denkbar — viele Alpen sind ohne Seilbahnerschliessung nur mühsam zu erreichen. Deshalb ist die Seilbahndichte im Kanton Nidwalden gross. Auf dem Bild die Umladestation von der personentauglichen Bahn vom Tal auf die Materialbahn zur Alp.

Von der Haghütte führt der Wanderweg über mehrere Alpen auf die Sinsgäuer Schonegg — reine Wanderzeit etwa eineinhalb Stunden. Doch nur nur wenig unterhalb der Passhöhe erblickten wir dieses Vieh mit diesen furchteinflössenden Hörnern:



Vermutlich war es gutmütiger als wir dachten, dennoch machten wir einen grossen Bogen. Wenig später waren wir auf dem Pass.

6 Passpanorama auf der Sinsgäuer Schonegg

Natürlich darf an dieser Stelle das obligate Panorama nicht fehlen:

Zum Vergrössern aufs Bild klicken! Zu sehen sind von links nach rechts: Der Chaiserstuel, der Blick zurück nach Nidwalden, der Brisen und der Hoh Brisen, der Oberbauenstock, das Sulztal, diverse Urner Gipfel und ganz hinten der Tödi.


7 Durchs Sulztal abwärts

Von der Sinsgäuer Schonegg geht es zuerst relativ steil abwärts, dann sanfter das Sulztal auswärts. Sobald es flacher wird, werden die Alpweiden bewirtschaftet:


Blick vom Sulztal zurück zur Sinsgäuer Schonegg

Immer wieder schön ist die Farbenpracht der Alpenblumen am Wegrand.

Zum Vergrössern aufs Bild klicken! Blick von der Sulztaler Alp auf den Oberalper Grat

Von den Felsen am Horizont der rechten Talseite war ich so fasziniert, dass ich ein Vertirama machen musste...

8 Unser Ziel: Gitschenen

Von Sulztaler Alp ist es noch etwa eine halbe Stunde bis nach Gitschenen, wo es wieder ganz anders aussieht:



Nach etwas über 4 Stunden reiner Wanderzeit erreichten wir die Alp Gitschenen. Hier führen zwei Frauen ein schönes Gast- und Seminarhaus, vgl. www.gitschenen.ch, wo wir unseren Durst löschten, bevor wir mit der Seilbahn ins Tal fahren und unten in St. Jakob das Postauto via Isenthal, Isleten und Flüelen nach Altdorf nahmen.

9 Die Krienser kaufen eine Urner Alp und bringen das Vieh im Nauen



In der Seilbahn kamen wir mit zwei Einheimischen ins Gespräch, die uns eine unglaubliche Geschichte erzählten: Die Alp da unter uns gehöre den Kriensern, sagten sie. Da wurden wir hellhörig, denn Kriens ist ein Vorort von Luzern. "Wie kommt es, dass die Krienser im Kanton Uri eine Alp haben?" fragten wir. In den 1920er Jahren sei die Alp zum Verkauf ausgeschrieben worden, sagten sie, und dann hätte die Krienser Korporation halt mehr geboten als ihre Urner Mitbieter. Früher hätten die Krienser ihr Vieh mit dem Nauen über den Vierwaldstättersee nach Isleten gebracht und von dort auf die Alp getrieben, heutzutage brächten sie das Vieh mit dem Viehtransporter.

Trotz ausgiebiger Recherche fand ich auf dem Internet leider keinen Beleg für diese erstaunliche Geschichte, aber ich fand dieses Bild:


Viehtransport auf den Nauen "Republik" und "Schwalmis".
Quelle: personalblog.kaywa.com

Montag, 15. August 2011

Der Kampf um Bannalp

Dass das Endlager für radioaktive Abfälle im Wellenberg nicht gegen den Widerstand der NidwaldnerInnen realisiert werden kann, hätte die Regierung eigentlich wissen müssen, schickten doch die Nidwaldner im Kampf für die Selbstversorgung mit eigener Elektrizität und gegen die Luzerner Strombarone 1934 ihre Regierung in die Wüste.


Das Bild von Anthony August auf Panoramio zeigt den Bannalpsee, der von einem Lehm-Damm gestaut wird, der 1937 trotz vielen juristischen und finanziellen Schwierigkeiten fertig gestellt wurde.


Auch diese Geschichte mit ungewohnten Vorzeichen ist in Jürg Frischknechts Wanderbuch Wandert in der Schweiz solang es sie noch gibt nachzulesen: Von 1930 bis 1934 kämpfte eine wachsende Nidwaldner Volksbewegung für ein eigenes Kraftwerk auf der Bannalp. Auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzungen kam es an der Landsgemeinde von 1934 zum Eklat: Die Nidwaldner wählten gleich neun von elf Regierungsräten ab, weil sie sich gegen das Bannalp-Projekt stemmten, ersetzten sie mit Bannalp-Freunden und verhalfen dem eigenen Elektrizitätswerk mit einer Zweidrittelsmehrheit zum Durchbruch. Das war der Neuen Zürcher Zeitung dann doch zu viel Demokratie. Sie schrieb, dieser denkwürdige Aprilsonntag habe bewiesen, dass sich die Landsgemeinde "zur Beurteilung wirtschaftlicher Fragen unbedingt überlebt" habe.

Frischknechts Quelle ist eine 1975 erschienene Monographie von Werner Ettlin mit dem Titel "Der Kampf um Bannalp".

Sonntag, 14. August 2011

Wandert in der Schweiz solang es sie noch gibt

So heisst ein Wanderbuch für 35 Lokaltermine von Jürg Frischknecht, das 1987 im Limmat Verlag erschien. Als thematisches Wanderbuch war es Vorbild für zahlreiche Wanderbücher, die heute allein für die Schweiz mehr als ein Laufmeter der entsprechenden Verkaufsregale füllen. Obwohl schon bald 25 Jahre alt, bietet es uns hin und wieder immer noch einen Anlass für eine schöne Wanderung.

Die Idee ist simpel, aber gut: Man wandert durch bedrohte Natur- und Kulturlandschaften, liest über die geplanten Projekte (Stauseen, Atom-Endlager, Autobahnen, Skizirkusse etc.), stellt sich die Eingriffe in die Landschaft vor und hilft allenfalls mit, die geplanten Projekte zu verhindern. Ein Teil der umstrittenen Projekte wurde in der Zwischenzeit realisiert, ein weiterer Teil ist am Widerstand gescheitert und ein letzter Teil ist noch immer in Diskussion und noch nicht definitiv vom Tisch. Bei diesen Projekten ist es interessant, die Diskussion von damals mit dem heutigen Stand zu vergleichen.

Einer der Lokaltermine in Frischknechts Wanderbuch beschäftigt sich mit dem Wellenberg — für die Nationale Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle (NAGRA) lange Zeit der favorisierte Standort für ein geologisches Tiefenlager für schwach- und mittelaktive Abfälle.

Das Bild zeigt im Vordergrund den Wellenberg, in welchem der radioaktive Güsel entsorgt werden soll, und im Hintergrund die Lücke, über die wir ins Urnerland wanderten. Quelle des Bilds: www.kernenergie.ch — eine Informationsplattform, die von der Atomlobby der drei grossen schweizerischen Stromunternehmen betrieben wird. Auf dieser Seite beschreibt swissnuclear relativ nüchtern, wie es dazu kam, dass die Genossenschaft für nukleare Entsorgung Wellenberg das Feld räumen musste.

Unser Lokaltermin fand rund 24 Jahre nach Erscheinen von Jürg Frischknechts Wanderbuch statt. Ins Tal, das den radioaktiven Güsel nicht haben will, gelangt man mit der Zentralbahn, die von Luzern über Stans nach Engelberg fährt. Für unseren Lokaltermin steigt man in Wolfenschiessen aufs Postauto nach Oberrickenbach um. Hinter dem Dorf Oberrickenbach überquert das Postauto den Haldibach und gleich unterhalb der Brücke wäre eine der Sondierbohrung der NAGRA durchgeführt worden, hätte das nicht eine Volksbewegung mit dem Slogan "Atom hiä niä" (nidwalnerisch für: Atom hier nie) verhindert.


Auf dem Foto, das ich bei der Bergstation der Luftseilbahn Chrüzhütte aufgenommen habe, zeigt der rote Pfeil die Stelle, wo die NAGRA ihre Sondierbohrung geplant hatte.


Jürg Frischknecht schreibt, dass die Nidwaldner Regierung 1986 die NAGRA regelrecht willkommen geheissen hat: "Wo das politische Klima günstig ist, stimmt auch die Geologie", auch wenn im benachbarten Dallenwil 1964 ein Erdbeben die Dorfkirche beschädigte...

Die Nidwaldner Regierung hat allerdings die Rechnung ohne das Volk gemacht: Das Demokratische Nidwalden initiierte das überparteiliche Komitee für eine Mitsprache des Nidwaldner Volks bei Atomanlagen (MNA). Die MNA-Initiative stiess bei Regierung und Parlament auf Ablehnung, nicht aber beim Volk, das sie an der Landsgemeinde, die es 1987 noch gab, mit grossem Mehr guthiess. Seither sagen die Nidwaldner in schöner Regelmässigkeit Nein zu den Endlagerplänen der NAGRA: 1995 zum ersten Mal, 2002 verweigerten sie der GNW die Konzession für den Bau eines Sondierstollens und diesen Februar sprachen sie sich mit 11'602 zu 2948 Stimmen klar gegen ein mögliches Tiefenlager im eigenen Kanton aus.

Die Chronologie von Radio DRS zur Suche nach einem Endlager zeigt: Die NAGRA, die gemäss Frischknecht zwischen 1995 und 2000 ein Endlager im Wellenberg (oder im Oberbauenstock) in Betrieb nehmen wollte, ist bestenfalls auf Feld 2 angelangt, aber von ihrem Ziel noch weit entfernt. Jetzt hofft sie auf die Inbetriebnahme eines Endlagers zwischen 2030 und 2040.

Mit dem Widerstand gegen den Wellenberg konnte sich das links-grüne Demokratische Nidwalden, das sich 2005 den Grünen angeschlossen hat, politisch etablieren: Es ist seit 1986 im Landrat vertreten und verfügte 1990 über 8 von 60 Sitzen. Zur Zeit haben die Grünen als Nachfolger des DN noch 5 Sitze. 1998 bis 2010 sass mit Leo Odermatt sogar ein DN-Vertreter in der Regierung.

Warum die Nidwaldner Regierung eigentlich hätte wissen müssen, dass gegen den Widerstand aus dem Nidwaldner Volk nicht anzukommen ist, steht in meinem nächsten Eintrag und der eigentliche Bericht über unsere Wanderung, die zu diesem Lokaltermin gehört, folgt in meinem übernächsten Eintrag.

Samstag, 6. August 2011

Bye, Bye, Türkei

Mehr als ein Monat nach unserer Rückkehr aus der Südtürkei kommt hier der letzte Eintrag meines Reiseberichts. Rückblickend haben wir in unseren zwei Ferienwochen unglaublich viel erlebt. Deshalb sind's auch so viele Einträge geworden...

Unsere Reiseroute im Überblick:
Unsere Reiseroute in der Südtürkei — zur interaktiven Karte aufs Bild klicken!

1 Antalya
Schon der Hinflug war ein Erlebnis: Wir wurden Vom eigenen Kondensstreifen überholt, aber Antalya ist eine Reise wert:
Der Muezzin und die Hunde beeindruckten Frau Frogg, die sogar im archäologischen Museum Rock'n'Roll für die Augen erlebte!

2 Çıralı
Das Paradies hat einen Namen: Çıralı. Ein bisschen verschlafen ist es schon, aber der Sommerdrink in Downtown Çıralı war immer wieder erfrischend — da waren die Sprachfallen kein Hindernis, denn Türkisch ist schwierig, deutsch aber auch. Und am Abend gab es Zackenbarsch in drei Phasen und aus der Musikanlage des Fischrestaurants erklang die türkische Version des Gigolo auf Weltreise. Wenn wir nicht gerade lasen oder unsere Füsse fotografierten, weil wir eine Synapse zwischen Çıralı und Wien hatten, kümmerten wir uns um Legendäre Schildkröten am Strand von Çıralı, fühlten uns wie Indiana Jones in Olympos oder machten Ausflüge an den Ort des Showdowns von Bellerophon vs. Chimaira oder auf den...

3 Tahtalı Dağı
Mit Garaventa auf den Sitz der Götter zu fahren, war für türkische Verhältnisse recht teuer, doch Der demokratisierte Blick ins Rund hat sich gelohnt. Auf der Fahrt nach Üçağız, unserem nächsten Etappenort, machten wir Halt in...

4 Demre / Myra
Die Stadt von Noel Baba, wie der Samichlaus auf türkisch heisst, war nicht nur wegen Noel Baba und den osteuropäischen TouristInnen interessant, sondern auch wegen der Felsengräber und eines recht gut erhaltenen antiken Theaters.

5 Üçağız
In Üçağız verfolgten wir den Krieg der Köche und mussten dabei aufpassen, dass wir nicht zwischen die Fronten gerieten. Wir charterten ein Boot und machten uns auf Schatzsuche: Die versunkene Stadt war unser Ziel. Unterwegs verkaufte die taffe Geschäftsfrau Frau Frogg von Boot zu Boot ein Halstuch. Mir drohte der Lesestoff auszugehen, denn: Ferienzeit ist Lesezeit. Und dann war da noch die Verhexte Tastatur im Internetcafé. Die Fahrt nach...

6 Kaş
...war weiter als erwartet und abenteuerlich: Der rasende Bäcker fuhr wie ein Henker, dennoch erfuhren wir unterwegs mit ihm, dass auch Die Türkei — mal anders sein kann. Aber das Küstenstädtchen Kaş ist nett und hat mehr als Virtuelles Badewetter zu bieten. Ein Einkauf in der Migros von Kaş animierte mich zu einem Eintrag über die Migros Türk — eine Erfolgsgeschichte sowie die Parallelen und Unterschiede zum helvetischen Vorbild. Auf der vierstündigen Rückfahrt nach Antalya geriet unser Bus vor der 5M-Migros am Stadtrand von Antalya in den Stau und ich schoss aus dem Fenster ein Bild, das den Migros-Beitrag illustriert.


Mit diesem Bild aus dem Restaurant über dem Hafen von Antalya und diesem Blick auf wasserspeiende Feuerlöschboote und das Taurusgebirge sage ich: Bye, Bye, Türkei — wir kommen wieder!

Dienstag, 2. August 2011

Migros Türk — eine Erfolgsgeschichte

Als SchweizerInnen sind wir immer ein bisschen irritiert, wenn wir in der Türkei auf einen Migrosladen stossen. Nach dem Konsum-Abenteuer in Österreich, das 1995 in der grössten Firmenpleite seit dem Zweiten Weltkrieg endete, dachten wir doch, die Migros sei eine derart urschweizerische Institution, dass die Idee nicht ins Ausland übertragbar sei und dass der "orange Riese" es nie schaffen würde, ins Ausland zu expandieren. Doch das stimmt nicht ganz!


Von aussen könnte die Migros von Kaş als gutschweizerischer Quartierladen durchgehen — abgesehen vom i-Punkt unterscheidet sich das Logo kaum vom helvetischen Vorbild:


Es ist sogar so, dass das Logo der türkischen Migros dem ursprünglichen Logo der schweizerischen Migros näher kommt als die erneuerte Version.

Wenn man den Laden betritt, bemerkt man weitere Parallelen: Auch bei Migros Türk gibt es zum Beispiel eine Gourmet-Produktelinie mit dem Namen Selection (ohne Akzent auf dem e), die täuschend ähnlich aussieht:



Übernommen hat die türkische Migros auch die Einteilung der Läden in
M-, MM- und MMM-Läden — je mehr M, desto grösser der Laden und das Sortiment:


Die MMM-Migros in Bodrum. Gemäss Homepage betreibt Migros Türk
235 M-, 182 MM- und 56 MMM-Läden sowie 14 5M-Einkaufszentren.

Sogar die Firmengeschichte ähnelt sich: Beide Migros-Unternehmen haben mit mobilen Verkaufsläden begonnen:


In Zürich fuhren am 25. August 1925 die ersten fünf Verkaufswagen der Migros aus. Beladen waren sie mit gerade mal sechs Artikeln des täglichen Bedarfs. Auch in der Türkei war, bevor die Migros Türk 1957 im Istanbuler Stadtteil Beyoğlu den ersten Laden eröffnete, eine Flotte von 20 Verkaufswagen unterwegs zur Kundschaft.

Die Ähnlichkeiten sind zum Teil so frappant, dass Migros Türk sogar für plagiat.posterous.com zum Thema wurde. Wie ist es aber dazu gekommen? Die türkische Migros wurde 1954 als Joint-Venture zwischen dem Migros-Genossenschafts-Bund in der Schweiz und der Stadt Istanbul gegründet. Ziel war es, unter der Kontrolle der Stadtgemeinde Lebensmittel und Konsumgüter vom Erzeuger direkt an die BürgerInnen von Istanbul zu verkaufen und dies in guter Qualität und zu günstigen Preisen. Diese Geschäftsidee, die den Detailhandel in der Schweiz und in der Türkei revolutionierte, kam jedoch erst so richtig zum Tragen, als 1975 die Koç-Gruppe die Aktienmehrheit übernahm.

Aufschlussreich ist dieser 10vor10-Beitrag des Schweizer Fernsehens zu 50 Jahre Migros Türk:

Link zum Beitrag von 10vor10 vom 17.9.2004

Abgesehen davon, dass Migros Türk auch Alkohol verkauft, fühlte sich Claude Hauser, Verwaltungsratspräsident von Migros Schweiz, wie in einem schweizerischen Migros-Laden. Im Fernsehbeitrag stellt Rahmi Koç, Besitzer von Migros Türk, fest, dass sich die türkische Migros in zwei wesentlichen Punkten von ihrem schweizerischen Vorbild unterscheidet: Die Migros in der Türkei ist eine Aktiengesellschaft, während ihr Schweizer Pendant genossenschaftlich organisiert ist. Und die türkische Migros hat im Gegensatz zu ihrem Vorbild erfolgreich ins Ausland expandiert: Gemäss Wikipedia gehörten 2009 über 70 Ramstore-Läden in Russland (2010 für 542.5 Millionen USD an Enka verkauft) und 20 weitere Läden in Kasachstan, Aserbaidschan, Mazedonien und Kirgisistan der Migros Türk.

2008 verkaufte die Koç Holding die Migros Türk an die Moonlight Capital SA. und in der Folge fusionierte Migros Türk T.A.Ş. mit ihrem Hauptaktionär, Moonlight Perakendecilik ve Ticaret A.Ş., die heute neben diesem 5M-Migros-Einkaufszentrum in Antalya fast 2000 weitere Läden in der Türkei und 27 Ramstore-Filialen im Ausland betreibt.

Und die schweizerische Migros? Sie expandiert langsam und ganz vorsichtig ins benachbarte Ausland: Im Grenzgebiet von Genf betreibt Migros-France SAS drei Supermärkte und ein grosses Freizeitzentrum. Migros Deutschland mit fünf Filialen in Baden-Württemberg und Rheinlandpfalz sucht für ihre Expansionspläne vorerst in Städten mit mehr als 50'000 Einwohnern in Baden-Württemberg und dem südlichen Bayern Mietflächen von 2'000 bis 2'200 Quadratmeter. Seit 2009 ist Migros ausserdem zu 49% an der Gries Deco Company GmbH beteiligt, die unter dem Namen "Depot" v.a. in Deutschland eine grosse Warenhauskette für Geschenkartikel, Dekorationsaccessoires und Kleinmöbel betreibt.

Freitag, 29. Juli 2011

Verbaute Schweiz — versaute Schweiz

Heute endet in meinem Leib-und-Magen-Blatt, dem Zürcher Tages-Anzeiger, eine Artikelserie über die Zersiedelung der Schweiz und die Machtlosigkeit der Raumplanung. Das Problem ist schon länger erkannt und trotzdem ändert sich rein gar nichts. Deshalb möchte ich diese Serie mit dem Titel "Verbaute Schweiz", die auch online nachzulesen ist, allen wärmstens ans Herz legen.

Quelle: Interaktive Karte auf map.geo.admin.ch

Sekündlich wird in der Schweiz ein Quadratmeter Natur zugebaut — und das mehr oder weniger planlos. Deshalb fordert im Auftaktartikel Stararchitekt Jacques Herzog eine radikal neue Vision: "Wenn Stadt, dann richtig Stadt, wenn Land, richtig Land und beide Lebensformen aufeinander Bezug nehmend." Höchste Zeit, etwas gegen den drohenden Siedlungsbrei zwischen Bodensee und dem Lac Léman zu unternehmen.

In doppelseitigen Artikeln mit eindrücklichen Bildern von Raffael Waldner werden einzelne Aspekte der Zersiedelung unter die Lupe genommen:
  1. Die S-Bahn, die die Attraktivität peripherer Gebiete steigert, den Siedlungsdruck in "ländlichen" Dörfern erhöht und die Suburbanisierung vorantreibt.
  2. Bauherren, die Bauern verdrängen, indem sie dafür sorgen, dass Kulturland eingezont und überbaut wird. Solange so viel Geld in den Boden investiert wird, lässt sich die Zersiedelung nicht stoppen, stellt ein Experte für Bodenfragen fest.
  3. Der Traum vom eigenen Einfamilienhaus im Grünen führt dazu, dass die Schweiz zum Gartensitzplatz verkommt und immer mehr Gebiete "verhüslet" werden. Der Traum zerstört sich selbst.
  4. Kalte Betten in den Tourismusgebieten: In einzelnen Gemeinden beträgt der Zweitwohnungsanteil mehr als 80%. In 13 Berner Gemeinden ist das Problem so gross, dass der Bund mit einem Baustopp für Zweitwohnungen droht.
  5. Planloses Wuchern der Agglomeration führt zum Verkehrskollaps und zur ständigen Überschreitung von Umweltgrenzwerten. Im Westen von Lausanne war das Problem so akut, dass die Waadtländer Regierung im Jahr 2000 ein Baumoratorium verfügte und acht Vorstadtgemeinden zu einer grenzüberschreitenden Planung zwang. Jetzt lebt die Wüste auf.
  6. "Eine dichte Stadt ist umweltfreundlich", sagt ETH-Professor Ulrich Weidmann und fordert für die Stadt Zürich Hochhausquartiere, neue Quartierverbindungsstrassen und ein unterirdisches Tramsystem im Stadtkern.
  7. Alpine Brachen sind die Kehrseite der Zersiedelung. Statt mit Subventionen die Abwanderung zu bekämpfen, solle man entleerte Alpentäler sich selbst überlassen, meinen Ökonomen. Doch die Bewohner des Val Calanca kämpfen gegen die Verwilderung.
Das Problem der Zersiedelung hat viele Facetten. Klar jedoch ist, dass das föderalistische System der Schweiz in der Raumplanung versagt. "Der Bund muss Kantone und Gemeinden an die Zügel nehmen und griffigere Richtpläne durchsetzen", lautet das Fazit, das Beat Bühlmann in seinem Abschlussartikel zieht. Um die Zersiedelung zu stoppen, müsse die Politik durchgreifen und überflüssige Bauzonen redimensionieren. Die öffentliche Hand solle private Planungsgewinne abschöpfen, um Entschädigungen für Auszonungen zu finanzieren. Schliesslich fordert er mehr Raumplanungskompetenzen für den Bund, so dass dieser die kantonalen Richtpläne kontrollieren und notfalls sanktionieren kann. Recht hat er.

Mittwoch, 27. Juli 2011

Virtuelles Badewetter

Da der Sommer hierzulande nur virtuell stattfindet, kann ich auch zu einem virtuellen Bad im Meer einladen:

Badeplattform in Kaş — zum Vergrössern aufs Bild klicken!

In meinem letzen Eintrag habe ich geschrieben, dass das Küstenstädtchen Kaş nett ist und alles hat für ein paar schöne Ferientage. Das stimmt nicht ganz: Kaş hat keinen langen Sandstrand und das Ufer besteht aus groben Felsbrocken, so dass es gar nicht so einfach ist, ins kühle Wasser zu steigen. Doch die findigen einheimischen Restaurantbesitzer wissen sich zu helfen: Mit Hilfe von Metallstützen und -streben, Holzplanken und grossen Liegekissen sind bequeme Badeplattformen entstanden, die einladen zum Rumliegen und Lesen. Das kühle Bier wird einem an den Platz serviert. Von diesem virtuellen Luxusstrand über den Felsen steigt man mit der Leiter ins kühle Nass. Und Abkühlung war trotz frischem Wind notwendig, war es doch auch unter dem schattenspendenden Segeltuch warm genug, um ins Schwitzen zu kommen...
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