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Mittwoch, 28. Dezember 2011

Schweizer Nazifilme

Am 8. Dezember ist der ehemalige Kinokönig von Zürich, Anton Eric Scotoni, im Alter von 95 Jahren gestorben. Seine Todesanzeige erinnerte mich an ein dunkles Kapitel aus der Familiengeschichte der Scotonis, das zu Beginn der 90er Jahre Furore machte: Die Terra war eine deutsche Filmgesellschaft in Berlin, die Anfang der 1930er Jahre von den Scotonis übernommen wurde, rasch zu einem der bedeutendsten Filmkonzerne des Filmkonzerne des "Dritten Reichs" aufstieg und bis 1935 über vierzig Filme produzierte, u.a. den ersten abendfüllenden Propagandafilm des Nationalsozialismus Blutendes Deutschland.

Mit der Terra hatte Anton Eric Scotoni nichts zu tun — es war sein 15 Jahre älterer Bruder Raphael "Ralph" Scotoni (1901 - 1955) (vgl. auch von seinem Enkel Ralph T. Scotoni verfasste Biografie), der von "Clanchef" Eugen Scotoni-Gassmann nach Berlin geschickt wurde, um die Familieninteressen zu vertreten und als Generaldirektor die Terra zu führen. Unter Ralph Scotonis Gesamtleitung produzierte die Terra zum Beispiel eine nationalsozialistisch geprägte Version von Wilhelm Tell. Im Herbst 1933 wurde das Schweizer Heldenepos ideologisch konform verfilmt: Der Film zeigt den mittelalterlichen Helden, der historisch wahrscheinlich nie existiert hat, als "Führer". Gedreht wurde "das Freiheitsdrama eines Volkes" (Terra-Inserat) in der Innerschweiz und im Wallis — mit zahlreichen NS-Exponenten in den Haupt- und Schweizer Statisten in den Nebenrollen. Görings Verlobte Emmy Sonnemann spielte Tells Frau. Zur Uraufführung an Hermann Görings 41. Geburtstag kam fast die gesamte Nazi-Prominenz in den illustren Berliner Ufa-Palast, auch Hitler, Goebbels und Innenminister Frick wollten den Blut-und-Boden-Tell von Terra sehen.

1988 - 1991 arbeitete ein Recherche- Team um Thomas Kramer und Dominik Siegrist die Geschichte des Schweizer Filmkonzerns im Dritten Reich auf. Das Resultat war ein Buch und eine Konzeptveranstaltung in der Roten Fabrik:

Das Buch von Thomas Kramer und Dominik Siegrist dokumentiert und analysiert die überaus spannende Geschichte der Terra und ihrer Filme. Es ist 1991 im Chronos-Verlag erschienen: Terra — ein Schweizer Filmkonzern im Dritten Reich, mit einem Nachwort von Hans-Ulrich Jost, Chronos-Verlag Zürich, 1991. 130 Seiten, 60 Abbildungen, 30 Franken / 17 Euro.

Präsentiert wurde das Buch in der Konzeptveranstaltung "Braune Helden — weisse Westen" in der Roten Fabrik in Zürich. In diesem Rahmen wurden im April und Mai 1991 acht der brisantesten Terra-Filme gezeigt, u.a. auch ein Fragment von "Blutendes Deutschland" (17 Min.) und die englischsprachige Version des "Wilhelm Tell" (62 Min.). Dazu produzierte das Vaudeville-Theater ein Theaterprogramm mit Quellentexten, szenisch-musikalischen Einlagen und eigenen Kommentaren. Abgerundet wurde die Konzeptveranstaltung durch ein Seminar zu den Wirtschaftsverflechtungen zwischen der Schweiz und dem "Dritten Reich".

Der jetzt verstorbene Kinokönig von Zürich teilte mit seinem älteren Bruder Ralph die Leidenschaft für den Film, betrieb den Ascot Elite Filmverleih und kontrollierte zeitweise zusammen mit der Jean-Frey-Gruppe ein Dutzend Zürcher Kinos. Gerne lud er Filmstars nach Zürich ein: Audrey Hepburn, Sophia Loren, Gina Lollobrigida, Roger Moore, Jean-Paul Belmondo — sie alle kamen, wenn "AES" zur Premiere rief (vgl. Das Rätsel der unbewohnten Villa von Mario Stäuble im Tages-Anzeiger vom 7.3.2011 — mehr oder weniger ein vorgezogener Nachruf auf die schillernde Unternehmerpersönlichkeit).

Samstag, 24. Dezember 2011

Blumen für Schwiegermütter

Sechs Stunden im Jahr sieht es bei uns aus wie in einem Blumenladen. An Weihnachten nämlich verschenke ich meiner Fast-Schwiegermutter und der Freundin meines Vaters je einen grossen Blumenstrauss — immer mit grossem Erfolg. Und: Schöne Blumensträusse kaufen macht auch Spass!

Mittwoch, 7. Dezember 2011

Vorweihnächtliche Schiesserei

Wenn es eindunkelt, herrscht ab Mitte November in unserem Quartier ein Geknalle, das sich anhört wie eine Schiesserei. Wenn man nicht wüsste, dass es sich um Jugendliche handelt, die sich im Geislechlöpfe üben, würde man besorgt die Polizei rufen.

Als ich letzthin vor Ladenschluss einkaufen ging, sah ich vier, fünf Geiselchlöpfer, die bei Flutlicht auf dem Hartplatz bei der Turnhalle die Geisel schwangen und trainierten, möglichst laute Knaller zu produzieren. Und es tönte wie eine Abrechnung zwischen zwei Mafiaclans.

Geislechlöpfe ist ein Brauch, der im Zusammenhang mit dem Samichlaus steht. Das Klausjagen in Küssnacht gilt als einer der imposantesten Nikolausbräuche weltweit und wurde deshalb für die Unesco-Brauchtumsliste vorgeschlagen. Den Auftakt zum Küssnachter Umzug, der jeweils Zehntausende anzieht, machen die Geisselchlepfer:


Youtube-Video von lidoLZ


Aber auch im städtischeren Umfeld ist die vorweihnächtliche Geiselknallerei in der Zentralschweiz ein verbreitetes und nervendes Hobby:


Youtube-Video von SwissMauch


Mit St. Nikolaus endet auch die Geiselknallerei — in unserem Quartier sind jedenfalls nur noch vereinzelte Knaller zu hören...

Mittwoch, 30. November 2011

Die andere Seite von Istanbul

Mein Haus stand in Sulukule ist ein Dokumentarfilm der österreichischen Filmemacherin Astrid Heubrandtner über die Zerstörung von Sulukule, einem Stadtteil von Istanbul, der als älteste Roma-Siedlung der Welt gilt. Gezeigt wird dieser Film am 3.12. im Rahmen der FilmTage Luzern: Menschenrechte in Luzern.


Trailer zu Mein Haus stand in Sulukule


Dieser Dokumentarfilm ist ein Must für alle Istanbulfans. Er zeigt die Kehrseite des ungezügelten Wachstums der Megalopole am Bosporus: Stadterneuerung auf Kosten der alteingesessenen und eh schon benachteiligten Roma-Bevölkerung, Zerstörung von ganzen Quartieren und damit verbundenen sozialen Strukturen, Bau von teuren Luxusappartements. Der Begriff Gentrification wäre schönfärberisch für das, was in Sulukule (= Wasserturm) passiert ist — Stadtzerstörung und Vertreibung von ein paar Tausend Roma ist präziser.

Der rosa Marker auf Google Maps zeigt, wo Sulukule war.

Die Roma, die schon über 600 Jahre in Sulukule ansässig waren, sind seit je her in der Unterhaltungsindustrie tätig: Gemäss Wikipedia waren sie schon am byzantinischen Kaiserhof gefragte Musiker. Bis vor seiner Zerstörung war Sulukule ein Vergnügungsviertel mit Beizen, Essen und Alkohol, Roma-Musik und spärlich bekleidete Tanzmädchen.

Und so tönte Sulukule:


Youtube-Video von Ferya9


Gezeigt wird der Dokumentarfilm am Samstag, 3.12., im Stattkino Luzern.
Das Programm:

18.00 "Mein Haus stand in Sulukule" von Astrid Heubrandtner

19.45 Diskussion mit Astrid Heubrandtner und Orhan Esen, Moderation: mein Geografie-Kollege Richard Wolff

Also, wenn ich könnte, würde ich diese Veranstaltung besuchen, aber ich kann leider nicht.

Mittwoch, 23. November 2011

Laut rieselt der Schnee

Eigentlich hätte ich meinen Eintrag vom 26. November letzten Jahres kopieren und wieder ins Netz stellen können, denn in acht Tagen ist es wieder so weit: Der Kultur-Adventskalender öffnet sein erstes Türchen.

Im virtuellen Kultur-Adventskalender auf www.kulturadventskalender.ch rieselt wieder leise der Schnee:

Screenshot des Online-Kultur-Adventskalenders. Ein Script sorgt dafür, dass es virtuell schneit und dass Neugierige die Türchen nicht vorzeitig öffnen können.

Lauter rieselt der Schnee dann ab dem 1. Dezember in der Loge Luzern: Jeweils um 18 Uhr öffnen wir ein kulturelles Türchen mit einem halbstündigen Liveauftritt von KünstlerInnen aus Theater, Literatur, Musik, Tanz und Performance. Wer wann auftritt und was einen erwartet, verrate ich natürlich nicht - sonst wäre es keine Überraschung mehr.

Zum Vergrössern aufs Bild klicken!

Um auf den Kultur-Adventskalender gluschtig zu machen, hier ein paar Bilder vom letzten Jahr:

Im Uhrzeigersinn: Der Adventskalender im Schaufenster der Loge, Melk Thalmann mit "Langue érotique", Bruno Guerriero mit ihren Piaf-Liedern und "Brut", eine Performance von Judith Huber.


Kultur-Adventskalender — eine überraschende Veranstaltungsreihe von ACT Zentralschweiz und der Loge (an der Moosstrasse 26 in Luzern). Türöffnung & Bar ab 17.45 Uhr, Beginn 18.00 Uhr. Einzeleintritt 5.-, Abo für alle 24 Abende 50.-, keine Reservation!

Sonntag, 20. November 2011

Die Stadt grösser denken

In der Region sind die Leserbriefspalten voll von Briefen für oder gegen die starke Stadtregion Luzern. In der Volksabstimmung vom 27. November geht es allerdings noch nicht um die Fusion von Luzern mit vier Nachbargemeinden, sondern erst um die Aufnahme von Fusionsverhandlungen. Fällt der Fusionsvertrag unbefriedigend aus, kann man die Fusion in einer zweiten Abstimmung immer noch bachab schicken. Die Ablehnung von Fusionsverhandlungen zum jetzigen Zeitpunkt aber kommt einem Denkverbot gleich.


In Züri-Süd?, meinem Beitrag vom 15.2. zum neuen Raumkonzept Schweiz, habe ich mich gefragt, was die Region Luzern machen kann, damit sie nicht zum gehobenen Wohnquartier Züri-Süd verkommt. Bildquelle: Bundesamt für Raumentwicklung


Luzern ist „Züri Süd“, das südliche Quartier der Metropole Zürich – eine These, mit der ich als Stadtgeograf gerne mal provoziere. Angesichts der vielen PendlerInnen, die täglich mit vollgestopften Zügen nach Zürich zur Arbeit fahren, ist diese These gar nicht so abwegig. Und in anderen Metropolen dieser Welt ist man nach einer Stunde Fahrt mit dem öV immer noch in der gleichen Stadt. Die Schweiz hingegen besteht aus einem engmaschigen Netz von Städten, die zu grösseren urbanen Räumen zusammenwachsen: Das ist neben der Région Lémanique mit Genf und Lausanne und dem Tessiner Städtedreieck Locarno - Bellinzona - Lugano, das zur Metropolitanregion Milano gehört, vor allem der Grossraum Zürich, der sich bis nach Aarau, Olten, ins Baselbiet, nach Winterthur, Schaffhausen, Frauenfeld und im Süden nach Zug und Luzern ausdehnt. Wenn Luzern als Region diesem gewaltigen Sog etwas entgegenhalten will, muss unsere Region zusammenwachsen, stärker werden und ihr wirtschaftliches und kulturelles Potenzial nutzen. Sonst wird die Zentralschweiz über kurz oder lang zur landschaftlich attraktiven Wohnregion für Leute, die in Zürich und Umgebung arbeiten.


Das Luftbild aus Gross-Luzern?, meinem Eintrag vom 5.3. über ein Hochparterre-Sonderheft mit dem Titel "Luzern wird gross". Es zeigt, wie stark Luzern mit seinen Nachbargemeinden zusammengewachsen ist. Während Littau seit dem 1.1.2010 zu Luzern gehört, stimmen Kriens, Emmen, Ebikon und Adligenswil darüber ab, ob sie in Fusionsverhandlungen mit Luzern eintreten wollen. Quelle des Luftbilds mit Gemeindegrenzen: www.map.geo.admin.ch

Luzern stösst an seine Grenzen. Es hat fast kein Platz mehr für neue Geschäfts- und Wohnhäuser. Wo in Luzern dennoch gebaut wird, verdichtet sich der Stadtraum und weniger rentable Nutzungen werden verdrängt. Gut zu beobachten ist dieser Prozess im neu entstandenen Tribschenquartier. Verdichtung städtischer Räume ist ökologisch sinnvoll, sie reduziert die Zahl derjenigen, die täglich in die Stadt rein- und wieder rausfahren. Problematisch wird Verdichtung dann, wenn für Nutzungen, die weniger rentabel, aber für eine Stadt wichtig sind, kein Platz mehr zur Verfügung steht, wenn z.B. ein Sanitärbetrieb keine geeigneten Gewerbeflächen zu zahlbaren Mieten findet und in die Agglomeration umziehen muss. Auch für kulturelle Nutzungen finden sich in Luzern kaum mehr geeignete Flächen: Für die Boa, die aus einem Wohnquartier verdrängt wurde, entstand mit dem Kulturzentrum Südpol ein Ersatz auf Krienser Boden. Im Tribschenquartier konnte die Stadt für den Wärchhof und den Spielleutepavillon noch Ersatzflächen anbieten, wenn demnächst das La Fourmi und weitere Kulturnutzungen auf dem Frigorex-Areal der dritten Bauetappe weichen müssen, wird das nicht mehr möglich sein. Kriens, Emmen, Ebikon und Adligenswil hingegen haben noch Landressourcen zur Verfügung. Im Gegenzug kann Luzern mithelfen, die Finanzlage dieser Agglomerationsgemeinden (mit Ausnahme von Adligenswil) so zu verbessern, dass die Steuern auf Luzerner Niveau gesenkt werden können – eine echte Win-Win-Situation also.


Wie die Gegner der Fusionsverhandlungen ticken, zeigen diese beiden Abstimmungsplakate der SVP-nahen IG Eigenständig. Dass Luzern auf der Rangliste der grössten Schweizer Städte noch hinter Winterthur auf Platz 7 liegt, zeigt dass der Luzerner Löwe doch eher ein braves Kätzchen ist, das auf Understatement macht. Und die vier Nachbargemeinden als wehrhafte Igel darzustellen, erinnert an den zweiten Weltkrieg (als sich die Schweiz einigelte), hat aber wenig mit einer Stadt zu tun, die funktional eine Einheit bildet und die Probleme gemeinsam angehen müsste.


Die Stadt grösser denken, das bedeutet auch eine Veränderung in den Köpfen. Wer aus Luzern hinausfährt, hat nicht das Gefühl, dass Luzern im Matthof oder Eichhof, in der Allmend, am Seetalplatz, im Maihof oder bei der Hochhüsliweid draussen endet. Im Gegenteil: Die Stadt geht übergangslos in die Agglomeration über. Obwohl Luzern relativ kleinräumig ist, gibt es Leute in Luzern, für die ist schon der Südpol zu weit weg (2.3 km Luftlinie vom Bahnhof), während die Rote Fabrik in Zürich (3.8 km vom Hauptbahnhof) genügend zentrumsnah ist, dass man einen Besuch riskieren kann. Da hilft nur grossstädtischeres Denken, das Luzerns Nachbargemeinden miteinbezieht. Die Fusion von Littau und Luzern war nur der Anfang: Weitere Fusionen müssen folgen, denn Luzern ist keine Kleinstadt mehr, Luzern ist grösser und urbaner als man denkt. Deshalb: Springen wir über unseren Schatten und stimmen den Fusionsverhandlungen zu, auf dass dereinst zusammenwachse, was längst zusammengehört!

Freitag, 18. November 2011

Querscheinen

Unsere Wohnung ist zwar nicht gerade das Martinsloch, durch das an Martini die Sonne genau auf die Kirche von Elm scheint. Aber wenn im November schon morgens schönes Wetter ist, dann scheint die Sonne durchs Dachfenster (siehe gestriger Beitrag) quer durch unser Wohnzimmer und wirft Schatten auf die gegenüberliegende Aussenwand.



Unser Frühstückstisch mit Zeitungen und Kulturflaneur als Schatten auf der Wand.

Donnerstag, 17. November 2011

Goldener Herbst

Vor unserem Dachfenster ist's Herbst — und ein goldener dazu. Die Blätter färben sich gelb und braun — und ich kann mich gar nicht sattsehen. Der Herbst ist meine liebste Jahreszeit!

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