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Sonntag, 6. Februar 2011

Darf Kunst im Weg sein?

Muss Kunst mehrheitsfähig sein? Über nichts regen sich die Leute mehr auf als über Kunst im öffentlichen Raum. Vor allem, wenn sie auch noch im Weg steht. Seit die Stadt bekannt gegeben hat, welches Kunstwerk die Vorzone der Messe und des Fussballstadions schmücken wird, ereifern sich die Internetkommentatoren über den "Stein des Anstosses".

Im öffentlich ausgeschriebenen Ideenwettbewerb hat dieser Vorschlag von Felix Kuhn das Rennen gemacht. Von den 12 anonym eingereichten Arbeiten hat der "Klotz", ein Würfel aus Beton, Metall und Glas mit einer Kantenlänge von 6 Metern, 500 Tonnen schwer und 140'000 Franken teuer, die neunköpfige Jury als "künstlerische Intervention" mit ihrem "mutigen subtil-subversiven Ansatz" am meisten überzeugt. Das Werk thematisiert den Wert von Kunst im öffentlichen Raum: Das Volumen des Würfels (216 Kubikmeter) steht im gleichen Verhältnis zum Total des auf der Allmend verbauten Materials (400'000 Kubikmeter) wie die Kosten für den "Klotz" zu den 250 Millionen Franken, die für die neuen Bauten auf der Luzerner Allmend aufgewendet werden: 0.00056 zu 1. Auch die Zusammensetzung des Würfels entspricht den für die Neubauten verwendeten Materialien.

Während die Kulturszene positiv auf den Juryentscheid reagierte, sind die meisten Kommentare auf dem Internet negativ: Von "Sowas klotzt mich einfach an..." über "Absolut hässlich und schade um jeden einzelnen Franken" bis "140'000 Fr. teures Urinal" urteilt die Internetgemeinde. Die Direktbetroffenen, der FC Luzern und die Messe Luzern AG, waren in der Jury nicht vertreten — "aus Angst vor zu grossen Interessenkonflikten". Zu Recht, wie die Reaktion der Messe Luzern AG zeigt: "Dieser Klotz ist ein Affront und eine riesige Enttäuschung", wettert ihr Geschäftsführer Markus Lauber. "Wir werden uns auf jeden Fall dagegen wehren." Kaum zu glauben, dass sich die Messe, die von den Investitionen der öffentlichen Hand stark profitiert (neue S-Bahn-Station unmittelbar vor dem Eingang), sich gegen die öffentliche Kunst in ihrem Umfeld zur Wehr setzt. Offenbar ist alles, was sich nicht unmittelbar rentabilisieren lässt, vor allem "Kunst, die da kratzt, wo es erst morgen beisst" (Felix Kuhn), ein Affront, den es zu bekämpfen gilt.

Der "Stein des Anstosses" auf der Allmend thematisiert nicht nur den Wert der Kunst im öffentlichen Raum — er hat es jetzt schon geschafft, eine öffentliche Diskussion darüber in Gang zu bringen. Diese Geschichte wirft aber auch noch weitere Fragen auf:
  • Wer soll über Kunst im öffentlichen Raum entscheiden?
  • Müssen Direktbetroffene einbezogen werden?
  • Kann Kunst Resultat eines demokratischen Prozesses sein?
  • Braucht es für einen 6x6x6-Meter-Kunst-Klotz eine Baubewilligung?
  • Darf Kunst dem (Messe-)Kommerz im Weg sein?
Ich behaupte: Sie darf nicht, sie muss! Wenn Kunst nur Dekoration ist, verkommt sie zur "Kreiselkunst" und löst rein gar nichts mehr aus.

Freitag, 4. Februar 2011

Scheinheilige Empörung

Ein Woche vor der Abstimmmung über die Waffenschutzinitiative treibt die Emotionalisierung der Debatte ihrem Höhepunkt entgegen. Mit immer krasseren Bildern wird für ein Ja oder ein Nein geworben. Beide Seiten spannen Kinder für ihre Kampagne ein — und werfen sich das gegenseitig vor. Doch Politwerbung hat schon immer mit Bildern für Emotionen gesorgt. Da ist nichts Schlimmes dabei. Schlimm ist nur, wenn der Bilderstreit von der eigentlichen Debatte ablenkt.


"Freeze revisited" (2009): Die essbaren Eispistolen sind Arbeiten von Florian Jenett und Valentin Beinroth.

Stein des Anstosses ist dieses Bild eines Buben, der sich an einer Kunstaktion in Frankfurt eine Pistole aus Wassereis in den Mund hält. Mit einem Bildausschnitt sowie einem Zitat der bischöflichen Kommission "Justitia et Pax" wurde im Luzerner Pfarreiblatt für die Initative zum Schutz vor Waffengewalt geworben. Das Bild löste eine Welle der Empörung aus: "Horrorbild", "abscheulich" und "Pfui!", hiess es in den Leserbriefspalten unserer Zeitung. Die Empörung ist so gross, dass sich der Pfarreiblatt-Redaktor entschuldigen musste.

Zugegeben, das Bild schockiert. Aber offensichtlich darf ein Pfarreiblatt nicht mit einem solchen Bild für ein christliches Anliegen werben. Und ausgerechnet drei CVP-PolitikerInnen, die für christliche Werte einstehen sollten, haben beim Schweizerischen Presserat Beschwerde eingereicht:

  • Ida Glanzmann, die auf ihrem Blog unter dem Titel "Teddybären bluten nicht!" gegen die Inititative argumentiert.
  • Pius Segmüller, der sich als ehemaliger Kommandant der Schweizer Garde in Rom, als Geschäftsführer der Sicherheitsfirma Swissec AG, als Nationalrat und Mitglied der Sicherheitskommission für den sofortigen Kauf neuer Kampfjets einsetzt.
  • Ruedi Lustenberger, der im Nationalrat für neue AKWs und als aktiver Jäger gegen den Wolf kämpft.
Ich frage mich ernsthaft, wie diese drei PolitikerInnen ihren engagierten Kampf gegen die Waffenschutzinitiative mit dem C im Parteinamen in Einklang bringen können — für mich sind sie einfach nur unglaubwürdig und scheinheilig.

Mittwoch, 2. Februar 2011

Krankenkassenverarschung

Wie jedes Jahr ist im letzten Oktober die neue Police meiner Krankenversicherung ins Haus geflattert. Der Aufschlag betrug satte 10.4%. Jetzt reicht's, dachte ich mir, und habe mich auf dem Internetvergleichsdienst Comparis schlau gemacht. Und siehe da: Das Sparpotential war riesig — ich konnte gegenüber der neuen Prämie 26.1% einsparen. Doch das Beste kommt noch: Die neue Krankenversicherung ist eine Tochtergesellschaft der alten — verarschen kann ich mich selber, dachte ich mir, und habe das erste Mal in meinem Leben die Krankenversicherung gewechselt.

Und hier die Details: Meine alte Kasse war seit meiner Kindheit die Helsana, bei ihr hätte die Monatsprämie für das HMO-Modell bei 300 Franken Jahresfranchise CHF 306.65 gekostet. Meine neue Kasse ist die Sansan, Mitglied der Helsana-Gruppe. Bei ihr beträgt die Monatsprämie für die genau gleiche Versicherung (HMO-Modell und 300 Franken Jahresfranchise) CHF 226.75 — meine HMO-Praxis bleibt die gleiche und ich spare im Jahr sage und schreibe CHF 958.80.

Bis anhin bin ich davon ausgegangen, dass eine grosse Krankenkasse mit vielen Versicherten sozialer ist, weil die Jungen und Gesunden die Alten und Kranken mitfinanzieren. Deshalb war es mir egal, wenn ich nicht die tiefstmögliche Prämie bezahlte. Als ich dann aber merken musste, dass eine Tochtergesellschaft meiner Krankenkasse dasselbe für einen Viertel weniger anbietet, hat's mir gereicht: Ich lass mich doch nicht für blöd verkaufen.

Aber ich frage immer noch: Was steckt hinter dieser Strategie der Helsana-Gruppe, sich selber mit Tiefprämien zu konkurrenzieren? Setzt die Helsana einfach auf die Trägheit der Versicherten, die wie ich Jahrzehnte lang zu träge sind, die Versicherung zu wechseln? Geht diese Strategie insgesamt vielleicht sogar auf?

Dienstag, 1. Februar 2011

Hochwasserpanoramen

Dieses Fundstück aus dem Beifang meiner Internetrecherchen zum Thema Panorama widme ich Frau Aqua, denn auf diesen interaktiven Hochwasserpanoramen fliesst (fast) alles...

Der Screenshot des Fundstücks: 12 interaktive Hochwasser-Panoramen auf www.panos.ch

Sicher ist Hochwasser für alle, die betroffen sind, eine kleinere oder grössere Katastrophe (v.a. wenn das Land, wie in Pakistan oder Australien, grossflächig überflutet wird), aber diese Panoramabilder zeigen: Im Hochsommer kann Hochwasser auch Spass machen.

Ich erinnere mich noch genau an den Tag, als 2005 der Vierwaldstättersee über die Ufer trat: Am Morgen kurvte ich mit dem Velo um die Wasserlachen auf dem Schweizerhofquai, am Abend war die Seebrücke — nomen est omen — nur noch über improvisierte Holzstege passierbar und für einige Tage herrschte in Luzern der Ausnahmezustand.

Montag, 31. Januar 2011

Provokation und/oder Kunst?

Für die Kunstaktion «No Exit Luzern» sperrte letzten Freitag der iranische Künstler Shahram Entekhabi den Rathaussteg in Luzern mit Absperrbändern. Das Erstaunliche daran: Kaum jemand regte sich darüber auf. Ist das Kunst oder nur Provokation oder gar beides?


Quelle: AB Gallery in Emmenbrücke. Mehr Bilder von "No Exit Luzern" gibt es auf der Bildstrecke der Neuen Luzerner Zeitung.

Die Aktion dauerte nur wenige Minuten — und jetzt prüft die Stadt eine Strafanzeige, weil die Kunstaktion nicht bewilligt war. Das heisst: Eine Provokation war es sicher, auch wenn sich nicht die Passanten, sondern nur die Behörden provozieren liessen. War es aber auch Kunst oder nur eine Werbeaktion für die Ausstellung des iranischen Künstlers in der AB Gallery in Emmenbrücke? Kunst ist ja nicht einfach das, was Künstlerinnen und Künstler machen. Und: Was macht ein Werk zu einem Kunstwerk?

Zu meinen subjektiven Kriterien gehören:
  1. Die Auseinandersetzung mit dem Publikum: Was im stillen Kämmerlein des Künstlers/der Künstlerin bleibt und nie den Publikumsreaktionen ausgesetzt wird, kann noch so gut sein, es ist in meinen Augen noch keine Kunst, weil die Interaktion mit dem Publikum fehlt. Fehlende Öffentlichkeit kann aber der Kunstaktion «No Exit Luzern» sicher nicht vorgeworfen werden.
  2. Kunst muss emotional berühren oder zumindest zum Denken anregen. «No Exit Luzern» hätte mich, wäre ich da gewesen, vor allem geärgert, weil die Absperrbänder mir im Weg gewesen wären. Aber ich hätte mich auch gefragt: Was will mir das sagen?Dieses sperrige Werk irritiert zwar, erklärt sich jedoch nicht selbst, es muss erklärt werden, was ich zumindest problematisch finde. «No Exit Luzern» lässt mich zwar nicht kalt, reisst mich aber auch nicht aus den Socken. Den PassantInnen ging es ähnlich: Sie liessen sich vom Absperrbandhindernisparcours nicht beirren.
  3. Schliesslich kann ein Werk auch einfach ästhetisch schön sein und als Augenweide oder Ohrenschmaus oder Gaumenfreude die Sinne erfreuen. Aber für mich ist «No Exit Luzern» bestenfalls ein Farbtupfer im winterfarbenen Stadtbild.
Fazit: «No Exit Luzern» ist beides, Provokation und Kunst, wenn auch als Werk erklärungsbedürftig.

NoExitLuzernDokumentation der Live-Performance auf der Homepage von Shahram Entekhabi — auf den Screenshot klicken, um das Video anzusehen!

Die Ausstellung „Rhizome“ von Shahram Entekhabi (Berlin & Tehran) in der AB Gallery in Emmenbrücke dauert noch bis 19. März 2011.

Sonntag, 30. Januar 2011

Der demokratisierte Blick ins Rund

1987 habe ich im Tages Anzeiger Magazin einen Artikel von Bojarek Garlinski gelesen, der mich bis heute fasziniert und zum Panorama-Fan machte: "Lugaus ins Rings" war der Titel dieser kurzen Kulturgeschichte des Panoramas.


Das Drehrestaurant auf dem Mittelallalin, 3456 m ü.M.

Der Text beginnt mit einer Fahrt mit der höchstgelegenen Standseilbahn zum welthöchsten Drehrestaurant auf dem Mittelallalin über Saas Fee. Beim Aufgang von der Bergstation der Metro Alpin zum 1985 eröffneten Drehrestaurant falle die verblüffende Ähnlichkeit zum Panorama auf: "Auch dort durchschreiten die Besucher zunächst einen verdunkelten Gang, sie sollen das Tohubawohu des Alltags vergessen und sich auf eine optische Reise einstimmen. Schliesslich steigen sie eine Treppe hoch, überwältigt vom rundum einströmenden Licht. Die Landschaft liegt ihnen zu Füssen."


Das Bourbaki-Panorama in Luzern und das Wocher-Panorama in Thun. Architektonisch sind sich Drehrestaurant und Panoramagebäude recht ähnlich, doch während das Drehrestaurant grosse Fenster hat, ist das Panoramagebäude fensterlos.

Der grosse Unterschied zwischen Drehrestaurant und Panorama: "Nicht mehr der Mensch muss sich um die eigene Achse drehen (...), um die Rundsicht nach und nach in den Blick zu bekommen: Auf dem Mittelallalin dreht sich die Umgebung für ihn. Und es ist nicht mehr ein detailgetreues Gemälde, das die Illusion vermittelt, in der Landschaft draussen zu sein; es ist das Original höchstselbst, die Natur, die 'vorbeizieht', live..."


Schnitt durch ein Panorama: (A) Kasse & Eingang, (B) dunkler Korridor & zentraler Treppenzylinder, (C) Beobachtungsplattform, (D) Gesichtsfeld des Betrachters, (E) kreisförmige Leinwand, (F) dreidimensionale Elemente des "Faux Terrains", (G) Trompe l'oeil-Elemente auf der Leinwand. (Quelle: www.panoramaonview.org, mit einer Liste der weltweit noch existierenden Panoramen)

Wer hat's erfunden? "Robert Baker gilt als erster Erbauer eines Panoramas, bestehend aus Riesenrundbild und Rotunde, dem eigens dafür konstruierten Rundgebäude. Geschäftstüchtig, wie er war, liess er seine Erfindung am 17. Juni 1787 unter dem Namen "La nature à coup d'oeil" patentieren, und zwar nicht nur das Riesenrundbild, sondern auch die Rotunde. Beim Panorama sind also Bild und Ausstellungsraum untrennbar miteinander verschränkt."


Die Restaurierung des Bourbaki-Panoramas als Panorama

Garlinski zitiert aus Stephan Oettermanns Monumentalwerk "Das Panorama. Die Geschichte eines Massenmediums": "Das Panorama ist die Reaktion der Kunst auf die Entdeckung des Horizonts." Um ein paar Zeilen weiter unten festzustellen, dass die Entdeckung des Horizonts zum Schlüsselerlebnis einer ganzen Epoche wurde.

"Mit der Entdeckung des Horizonts und mit dem Panorama wurde der Blick aus seinen perspektivischen Verzerrungen befreit. Im barocken Theater noch hatte einzig der Fürst so gesessen, dass er das Bühnenbild unverzerrt sah. Im Panorama konnten dann alle von der zentralen Plattform aus das Riesengemälde perspektivisch 'richtig' betrachten: Unendlich viele Fluchtpunkte erstrecken sich zum rundum laufenden Horizont. Im Panorama wird der Blick demokratisiert und zur säkularisierten Form der göttlichen Allschau. Genau dies ist die Bedeutung des Kunstwortes Panorama: pan = alles, horama = sehen."

Und das gibt's im Panorama in Luzern und in Thun zu sehen:


Für die Fullscreen-Darstellung des Bourbaki- und des Wocher-Panoramas bitte aufs jeweilige Bild klicken.

Diese Rundgemälde als Gesamtkunstwerke sind in ihrer Totalität nur vor Ort zu erfassen und im Internet kaum zu vermitteln. Dem Panorama-Erlebnis am nächsten kommen die Fullscreen-Darstellungen von www.panoramafotos.ch, einer Fundgrube grossartiger Panoramen.

Basierend auf der Entdeckung des Horizonts als optisch/ästhetisches Phänomen, befreite das Panorama den Blick von perspektivischen Verzerrungen, veränderte im Zusammenspiel mit dem Aufkommen des Tourismus und der Reklame die Sehgewohnheiten nachhaltig und nährte mit der Verwischung der Differenz Wirklichkeit - Darstellung im panoramasüchtigen Bürgertum den Glauben, es gebe nur eine einzige, allen zugängliche Sichtweise der Realität — das Panorama als bürgerliche Sehschule für den demokratischen und objektiven Über-Blick.

"Im Panorama fand sich nicht nur die 'wahre Stadt', sondern auch die 'wahre Landschaft', die damit zur Ware Landschaft wurde. Die Stadtbewohner konnten in der Landschaft (Panorama, Passage, Wintergarten) flanieren, ohne den Launen des Wetters ausgesetzt zu sein, ohne auf die 'Facilitäten' der Stadt verzichten zu müssen. (...) Das Panorama war eine Lernmaschine des Sehens und ein Surrogat der Natur — die Landschaft verklärte sich zur Idylle, zur Staffage ihrer selbst.
Zugleich weckte das Panorama die Seh(n)-Sucht nach dem Original und nährte so den Mythos der unberührten Natur: Der Tourismus kam auf, die Pilgerreise zum Original."


Unterhalb der Fräkmüntegg — zum Vergrössern aufs Bild klicken!


Auf dem Kleintitlis — zum Vergrössern aufs Bild klicken!

A propos Panorama-Sucht: Das Hochnebelwetter — oben blau, unten grau — trieb uns, Frau Frogg und mich, dieses Wochenende in die Höhe, einmal auf die Fräkmüntegg (1416 m ü.M.) auf halbem Weg zum Pilatus, einmal auf den Titlis (3020 m. ü.M.). Und die Panoramabilder zeigen, dass das Original immer noch unübertroffen ist!

Auf dem Titlis habe ich übrigen festgestellt, dass zum Drehrestaurant noch eine Steigerung möglich ist: Im Drehrestaurant dreht sich die Landschaft um einen herum — in der Luftseilbahn Titlis Rotair dreht sich die Landschaft auch, überdies schwebt man durch sie hindurch berg- oder talwärts.

Alle Zitate aus GARLINSKI, Bojarek (1987): Lugaus ins Rings.
In: Tages Anzeiger Magazin, Nr. 33, 15.7.1987.

Donnerstag, 27. Januar 2011

Kann Stricken Kunst sein?

Diese Frage beschäftigt mich, seit Aqua die Frage CXXIII "Stricken oder Bloggen" aufgeworfen hat. Entgegen der landläufigen Meinung, dass Stricken etwas Biederes an sich hat, behaupte ich: Sie kann.

Für meine Antwort auf Aquas bestrickende Frage habe ich nach dem Stichwort Strickkunst recherchiert. Gefunden habe ich Urban Knitting:


Wie das Beispiel zeigt, kann Strickkunst auch subtil subversiv sein.

Und dann habe ich mich erinnert, dass ich von der Bürozüglete her noch Strickkunst in meiner Pultschublade habe:


Ein Objekt aus Draht, gestrickt von der Männedörfler Künstlerin Tatiana Witte. Hier der Link zu ihrer letzten Gruppenausstellung.

Für diese Strickkunst ist die Pultschublade zu schade - ich habe sie an einem guten Platz bereits wieder aufgehängt!

Mittwoch, 26. Januar 2011

Appenzeller Biber und türkischer Pfeffer

Beide heissen gleich, aber was hat der Appenzeller Biber mit dem türkischen Wort für Pfeffer zu tun? Ein Erklärungsversuch.

Wer hat's erfunden? Frau Frogg. Leicht geschockt hat sie sich schon vor längerem in ihrem Blog damit auseinandergesetzt, dass Pfeffer auf Türkisch "Biber" heisst, um dann gleich festzustellen, dass Biber nicht gleich Biber ist. Was in diesem Tütchen ist, ist eigentlich Karabiber, schwarzer Pfeffer. Biber wiederum ist der türkische Überbegriff für Peperoni, Paprika, Paprikaschoten, Pfeffer etc. sowie - das haben wir im Türkisch-Crashkurs gelernt und gekostet - eine Gewürzmischung, die individuell zusammengemischt wird und in keinem türkischen Haushalt fehlen darf, weil sonst das Essen nicht wie türkisches Essen schmeckt.

Das türkische Wort Biber ist ein Lehnwort aus dem Lateinischen (Piper nigrum). Frau Frogg meint, dass die Wörter Pfeffer, Piper und Biber alle indogermanischen Ursprungs sind, was höchstwahrscheinlich zutrifft, stammt doch der Pfefferstrauch ursprünglich aus Indien. Gemäss Wikipedia entstammt das Wort Pfeffer der indischen Bezeichnung für Langpfeffer, "Pippali". Pfeffer war ein kostbares Gut und wurde zeitweise mit Gold aufgewogen. Im Mittelalter hatten die Türken und Araber, später die Venezianer, das Monopol auf den lukrativen Gewürzhandel.

Aber warum nur heisst der türkische Biber gleich wie der Appenzeller Biber? Eine mögliche Antwort liefert die Wortgeschichte von Christian Schmid auf Radion DRS mit dem Titel «Biber» oder «Biberli», die der Frage nachgeht, warum das Appenzeller Lebkuchen-Gebäck "Biber" heisst. Es gäbe Belege, dass "Biber" oder "Biberli" früher Bezeichnungen für "Pfefferchüechli" oder "Lebchüechli" gewesen seien. Lebkuchen sind mit Pfeffer gewürzt, deshalb sei es gut möglich, dass Lebkuchen, die aus der klösterlichen Backtradition kommen, einmal - aus dem Lateinischen entlehnt - "Piper-Fladen" geheissen haben, meint Schmid. Ausserdem nenne man Lebkuchen weiter östlich nach wie vor "Pfefferkuchen".

Höchstwahrscheinlich ist der Appenzeller Biber also tatsächlich mit dem türkischen Biber sprachlich verwandt - der Missing Link ist der Pfeffer. Und wer's bezweifelt, soll doch von mir aus ins Pfefferland!
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