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Freitag, 4. Mai 2012

100 kg Altpapier

Nachdem wir x Termine für die Entsorgung des Altpapiers verpasst haben, hat sich eine ziemliche Menge angesammelt. Heute haben wir es endlich geschafft, diesen gewaltigen Papierhaufen loszuwerden. Was für eine Erleichterung!



Das ist das Altpapier, das sich während einem halben Jahr bei uns angesammelt hat: 23 Bündel à 4 bis 5 Kilo sind 100 Kilo Altpapier, die wir 75 Treppenstufen runtergeschleppt haben. Hätten wir diesen Haufen aufs Mal hochschleppen müssen, bin ich mir sicher, dass wir alle Zeitungsabos umgehend gekündigt hätten und nur noch online Zeitung lesen würden.

Donnerstag, 3. Mai 2012

Der Lauf der Dinge

Letztes Wochenende ist David Weiss vom weltweit bekannten Künstlerduo Fischli Weiss mit 65 gestorben. Damit verliert die Schweizer Kunstwelt einen ihrer ironischen Farbtupfer, einen Künstler, der mit seinem feinsinnigen Humor seine Mitmenschen zum Nachdenken anregen konnte, und einen Künstler, der sogar aus toten Zeiten in Flughäfen Kunst machte.

Ich schreibe hier keinen Nachruf auf den Schweizer zum Schmunzeln (Spiegel-Online), sondern möchte nur an zwei, drei Werke von Fischli Weiss erinnern, die sich in meiner Festplatte eingebrannt haben:


Der Lauf der Dinge (1987, 29:45 min.) von Fischli Weiss, 10-minütiger Ausschnitt, hochgeladen auf dem Youtube-Kanal von Mediaart histories

Mit diesem halbstündigen Video von überraschenden Domino-Effekten am laufenden Band haben Fischli Weiss international den Durchbruch geschafft — und mit ihrer Spielfreude auch mein Kunstherz erobert.


Peter Fischli / David Weiss, "Modeschau (Die Wurstserie)" 1979, Bild: www.art-magazin.de

Dass man mit Essen nicht spielen darf, wurde mir von meinen Eltern beigebracht, doch wenn diese beiden genialen Bastler aus ihrem Kühlschrank eine Modeschau zaubern, dann ist das verzeihlich.


Peter Fischli / David Weiss, "Mick Jagger und Brian Jones befriedigt auf dem Heimweg, nachdem sie 'I Can't Get No Satisfaction' komponiert haben", Bild: www.art-magazin.de

Oft entfalten die ungebrannten Tonskulpturen der Serie "Plötzlich diese Übersicht", die in den Jahren 1981 und 2006 entstanden sind, ihren ganzen Witz erst, wenn man ihre Titel liest.

Nachdenklich und stutzig macht einem auch dieses Werk an einer Fassade eines Bürogebäudes in Zürich-Oerlikon:


Bild: thethingsinevertoldyou.wordpress.com

Auf ihrem Weg zur Arbeit fahren täglich Zehntausende mit der S-Bahn an diesen Empfehlungen von Fischli Weiss vorbei. Ob sich das nachhaltig aufs Klima am Arbeitsplatz auswirkt?


Untitled (Zurich), Bild: www.arttattler.com

Fischli Weiss sind weit in der Welt herum gekommen und müssen viele Stunden in Warteräumen an Flughäfen verbracht haben. Doch während andere mit Shopping und Zeitunglesen die Zeit tot schlagen, machten Fischli Weiss aus der Not eine Tugend: Sie fotografieren und dokumentieren Airports (1990 in der Edition Patrick Frey erschienen, aber leider vergriffen) — mit der Zeit hat sich eine grosse Zahl solcher Bilder angesammelt und in der Summe sind sie Kunst, die einen nicht nur über den Lauf der Dinge, sondern über den Lauf der Welt nachdenken und ein bisschen schmunzeln lassen.

Sonntag, 29. April 2012

Österliche Wetterkapriolen

Der April macht bekanntlich, was er will: Gestern bescherte uns der Föhn eine Tropennacht, am Ostersamstag wurden im Tessin verhagelt, am Ostersonntag war es mit Nordföhn schön, aber windig, und als wir am Ostermontag wieder nach Luzern kamen, lag hinter dem Haus noch Schnee - richtiges Aprilwetter halt.

Ostersamstag:


Arosio 10.55: bewölkt, aber trocken, eigentlich ganz passabel


Aranno 14.58: sturzbachartiges Hagelgewitter


Cademario 15.31: Hagelkörner an der Bushaltestelle


Breno 15.53: nach dem Gewitter noch wolkenverhangen

Ostersonntag:


Mugena 10.09: bei fast wolkenlosem Himmel sonnig


Im Tal hinter Mugena 10.35: Trotz Nordföhn ist es im Lee der Berge fast windstill.


Damm von Melide 12.35: schön, aber windig - der Nordföhn sorgt für zünftigen Wellengang

Ostermontag:


Luzern 15.02: sonnig, aber Schneeresten hinter dem Haus

Über die 7 Hügel des Malcantone

Endlich komme ich dazu, diesen schon lange angefangenen Fotoroman über unsere Wanderung im Malcantone fertigzustellen. Er handelt von Kastanien, Mortadella, von grossartigen Aussichten und verfrühten Hagelgewittern sowie einer Schifffahrt auf dem Lago di Lugano, die dieses Jahr nicht stattgefunden hat.

Zum Vergrössern auf die Karte klicken! Quelle der Karte: map.geo.admin.ch

Unsere Wanderroute (rot) führte uns von Arosio über Cademario und San Bernardo nach Santa Maria, von wo wir allenfalls (rot gestrichelt) nach Magliaso absteigen wollten, um dann in Caslano das Schiff zu nehmen. Allerdings war das Wetter schon so schlecht, dass wir uns entschieden über Iseo nach Aranno weiterzuwandern. Gelb eingezeichnet ist unser Ostersonntagsspaziergang, der ein Teilstück des Sentiero del castagno (gelb gestrichelt) ist.

1 Sentiero del castagno

Wer meinen Eintrag über die Lehrpfaditis gelesen hat, kennt meine ambivalente Haltung gegenüber Themenpfaden. Aber der Kastanienweg ist informativ und doch nicht oberlehrerhaft — ich kann ihn also durchaus empfehlen, zumal die Kastanie im Malcantone allgegenwärtig ist:



Solche "Kastanien-Igel" gibt es in jedem nicht mehr genutzten Kastanienhain, also fast überall. Und dieses eigenartige Gebäude, unweit vom Albergo San Michele, ist eine "grà", ein Gebäude, in dem früher Kastanien getrocknet und haltbar gemacht wurden. Dies und anderes Wissenswertes zur Kastanienkultur erklärt ein gut gemachter Leporello (PDF) zum Sentiero del castagno, aus dem auch die Schemazeichnung einer "grà" stammt.

2 Altes und neues Arosio




Arosio im Uhrzeigersinn: Der Palazzo am Dorfplatz und Wendeplatz des Postautos, der Friedhof und die Kirche von Arosio, ein altes Haus mit der Aufschrift "TELEPHONO NO. 12" (Das waren noch Zeiten, als Telefonnummern noch zweistellig waren!) und ein neues Betonhaus, das sich von den alten Steinhäusern seiner Umgebung deutlich abhebt und sich dennoch gut ins Dorfbild einfügt.

3 Schwarzwald — Weisswald



Vor vier Jahren war Ostern im März. Damals hat Frau Frogg im selben Wald ein Foto geschossen, auf dem es Schnee auf den Bäumen hat. So kalt war es diesmal nicht und die Vegetation war schon frühlingshafter: Oberhalb des Wanderwegs ein Buchenwald mit weissen Stämmen und zart spriessendem Grün, unterhalb ein nicht mehr genutzter Kastanienhain mit schwarzen Stämmen, aber noch ohne Blätter.

4 Im Anflug auf Lugano-Agno

Das Panorama von Cademario — zum Vergrössern aufs Bild klicken!

Obwohl die Berge waschküchenartig wolkenverhangen sind, ist dieses Panorama sehenswert: Im Vordergrund das Dörfchen Cademario, das vor allem für sein Kurhaus bekannt ist, im Mittelgrund Lugano Airport, der aber mit seinen sechs, sieben Linienflügen pro Tag im Vergleich zum nahen Mailänder Flughafen Malpensa ein doch eher bescheidenes Verkehrsaufkommen aufweist. Dahinter von links nach rechts: Die Agglomeration Lugano, die Stadt Lugano ihrem Seebecken und den zwei markanten Hügeln, dem Monte Bré und dem San Salvatore, die Gotthardautobahn und der Lago di Lugano, der neben dem Kirchturm von Cademario ein zweites Mal zu sehen ist. Die Berge und Hügel ganz im Hintergrund gehören grösstenteils bereits zu Italien.

5 Mortadella auf dem Holzweg



In Cademario haben wir uns ein Picknick gekauft: Ein Tessinerbrot, das auch im Tessin "pane ticinese" heisst, Formagini und eine Ladung Mortadella, die man riechen können müsste — schade, gibt es im Internet keine olfaktorische Funktion, ein SmellTube für Gerüche. Und dann war da noch diese unglaublich lange und hohe Holzbeige, die sich wie eine Wand unserem Weg entlang zog: Wir fühlten uns buchstäblich auf dem Holzweg.

6 San Bernardo



Auf jedem Hügel eine Kirche, die mit "Stairways to Heaven" in Szene gesetzt wird. Von San Bernardo sieht man durch den Wald auf das
Kurhaus von Cademario, das aber zur Zeit geschlossen ist, weil es umgebaut und aufgepeppt wird. Die Wiedereröffnung ist für Winter 2012/13 geplant.

7 Santa Maria mit tollem Rundblick



Noch schöner ist die Treppe zum zweiten Bergpreis dieser Wanderung, zum Kirchlein Santa Maria. Auf der Plattform vor der Kirche wird man mit einem tollen Rundblick für den nicht einmal besonders strapaziösen Aufstieg belohnt. Leider noch wolkenverhangener, aber voilà:

Das Express-Panorama von Santa Maria — zum Vergrössern aufs Bild klicken!

8 Landregen in Iseo

Wieder unten am Kirchenhügel und zurück auf dem Bergrücken, der den Malcantone von der Region Lugano trennt, begann es zu regnen. Und Frau Frogg war mir dankbar, dass ich neben einem Regenschutz auch einen Regenschirm dabei hatte.



9 Sturzbäche in Aranno



Was in Iseo noch als harmloser Landregen begonnen hatte, wuchs sich bis Aranno zu einem veritablen Frühlingsgewitter mit Hagel aus. Die Dorfstrasse verwandelte sich im Nu zum Dorfbach — die Verkehrskegel von der nahen Baustelle gingen buchstäblich den Bach runter. Wir nahmen das Postauto nach Cademario, tranken einen Coretto con Grappa, nahmen das nächste Postauto nach Breno, von wo wir Autostopp nach Arosio machten, weil in Breno die Dorfbeiz zu war...

10 Variante mit Schifffahrt

Bei schönerem Wetter hätte mich der Abstieg nach Magliaso und die Schiffahrt von Caslano nach Ponte Tresa und zurück nach Lugano gereizt. Bei einer früheren Gelegenheit haben wir das schon einmal gemacht:


Quelle: Società Navigazione del Lago di Lugano

Die Schifffahrtsgesellschaft auf dem Lago di Lugano führt die Crociera Panoramica dieses Jahr vom 1.4. bis am 21.10. durch: Caslano ab 15.28, Lugano an 17.30, Rückfahrt nach Arosio mit dem Postauto (Umsteigen in Lamone-Cadempino). Bei schönem Wetter ist das eine tolle Kreuzfahrt, die wir nur empfehlen können.

Freitag, 27. April 2012

Schanigärten by night

Heute ist einer der ersten Abende, an denen man noch lange draussen sitzen kann — nicht im T-Shirt, aber immerhin. Kein Wunder herrscht in den Schanigärten vom Kreuz Solothurn noch Hochbetrieb.

Hier habe ich über unsere Schanigärten in 3D geschrieben und hier über die Eröffnung der Solothurner Schanigarten-Saison, aber dass Gartenbeizen auch nachts attraktiv sind, zeigen folgende Bilder von...

...der Gartenbeiz des Kreuz Solothurn...





...und der Sommerbeiz an der Aare:



Dienstag, 10. April 2012

Schlechter Kanton

Ostern verbrachten wir wieder einmal im Malcantone, im "schlechten Kanton" — diese Übersetzung hat zwar ihren Reiz, ist aber wahrscheinlich doch zu salopp. Warum das westliche Hinterland von Lugano so heisst, ist nämlich ungeklärt, es gibt immerhin drei recht verschiedene Deutungsansätze. Ausserdem ist im Schweizerdeutschen "en schlächte Kanton" auch ein Ausdruck für einen unzuverlässigen Menschen.

Doch zuerst ein paar Bilder von unserem Albergo mit gigantischer Chügelibahn (ein Traum für jeden Göttibub!) und toller Aussicht über den Malcantone:




Obwohl Frau Frogg jedes Mal friert, zieht es uns an Ostern immer wieder nach Arosio ins Ristorante e Albergo San Michele. Die Küche ist ausgezeichnet, die Zimmer sind einfach, aber schön und preiswert, und die Aussicht traumhaft. Ausserdem ist Arosio als oberstes Dorf im Tal gut zu erreichen und ein idealer Ausgangspunkt für zahlreiche Wanderungen. Hier der Ausblick von unserem Zimmer:

Die Hügel des Malcantone bei unserer Ankunft am Karfreitag, 6. April 2012, um 19 Uhr: Die Strassen sind noch nass vom Regen — zum Vergrössern aufs Bild klicken!

Doch warum heisst der Malcantone "schlechter Kanton"? Vor knapp einem Monat hat die Mailbox von Schweizer Radio DRS versucht, genau diese Frage zu beantworten:

Deutungsversuch 1: Malus angulus
Im 17. Jahrhundert bezeichnete der Bischof von Como die damals sehr arme Gegend als "schlechten Winkel" oder als "schlechte Ecke", weil ihre Bewohner nicht besonders gläubig waren und den Zehnten nur widerwillig ablieferten. Cantone heisst übrigens auf Deutsch nicht nur "Kanton", sondern auch "Ecke".

Deutungsversuch 2: Magli — Hammerschmieden
Entlang der Magliasina, die das Tal entwässert, gab es früher zahlreiche Hammerschmieden und Mühlen. Gut möglich, dass "magli", der Plural vom italienischen Wort "maglio" (= grosser Hammer, Ramme), im Tessiner Dialekt zu "mal" abgeschliffen wurde. Dann wäre der Malcantone der "Hammerkanton" oder die "Hammerecke".

Deutungsversuch 3: Gegend der schlechten Kantonisten
Laut einer dritten Variante bedeutet Malcantone "unsicheres Gebiet", weil die dicht bewaldeten Hügel Kriegern, Deserteuren, Räubern, Schmugglern sowie Flüchtlingen Unterschlupf boten.

Gemäss Mundartlexikon könnte der Ausdruck "schlechter Kanton" damit zu tun haben, dass zu Zeiten der alten Eidgenossenschaft Soldaten kantonsweise ausgehoben wurden. Dieser schweizerdeutsche Ausdruck ist das Pendant zu "schlechter Kantonist", stammt aus dem 18. Jahrhundert und stand ursprünglich für einen, der sich durch Flucht aus seinem Kanton der Rekrutierung entzogen hat. Der Malcantone wäre dann das Land der Deserteure oder zumindest der schlechten Kantone...

Der Blick aus unserem Zimmer am Ostersonntag, 8. April 2012, um 11.15 Uhr zeigt ein vom Nordföhn gewaschenes Panorama — zum Vergrössern aufs Bild klicken!

Ich finde: Der Malcantone ist doch gar nicht so ein schlechter Kanton und eine recht schöne Ecke des Tessins!

Mittwoch, 4. April 2012

Worte Gottes — keine Schweizer Erstaufführung!

Das ist wieder einmal typisch: Da bringt das Luzerner Theater als etabliertes Theater ein selten gespieltes Stück auf die Bühne und behauptet einfach mal, es handle sich um eine Schweizer Erstaufführung. Falsch! "Worte Gottes" von Ramón del Valle-Inclán wurde schon 1995 von der freien Theatergruppe "Il Soggetto" aufgeführt. Premiere war im Tellspielhaus Altdorf. Aber was zählt schon eine Erstaufführung aus der freien Szene und dann noch im letzten Jahrtausend!

Cover des Programmhefts der echten Schweizer Erstaufführung von 1995

In der damaligen, sehr eindrücklichen Inszenierung von Franziska Kohlund spielte die legendäre Schauspielerin Margrit Winter (1917 - 2001), die übrigens bei den Luzerner Spielleuten ihre Theaterkarriere startete, eine Hauptrolle. Ein kurzer Blick ins Schweizer Theaterlexikon auf dem Internet hätte genügt, um den falschen Claim "Schweizer Erstaufführung" zu verhindern. Wenn man die Vorschau in der Märznummer des Luzerner Kulturmagazins 041 (S. 38f.) liest, könnte man sogar vermuten, der Etikettenschwindel sei absichtlich passiert, heisst es doch da: "Als erstes Schweizer Stadttheater bringt das Luzerner Theater «Worte Gottes» auf die Bühne." Ob ignorant oder arrogant — das Luzerner Theater schmückt sich mit fremden Federn — mit denjenigen der freien Szene.

Bericht von art-tv.ch (Zum Bericht von art-tv.ch aufs Bild klicken!)

In einer Chropfleerete in der Luzerner Zeitung vom 30.3.2012 schreibt eine Leserbriefschreiberin, es bleibe ihr unverständlich, warum das Luzerner Theater «Worte Gottes» inszeniere, denn «Worte Gottes» sei derb und vulgär und der Respekt vor behinderten Personen gehe verloren. Obwohl ich die Luzerner Inszenierung noch nicht gesehen habe, weiss ich: Sie hat recht, das Stück ist derb und vulgär. Allerdings liegt das nicht an der Inszenierung von Andreas Hermann, sondern an der Geschichte, die Ramón del Valle-Inclán erzählt, die schockierend und verstörend ist. Sie handelt von der "erdig trüben, barfüssigen Schattengestalt" Juana del Reina, die ihren Sohn, einen wasserköpfigen Zwerg, auf Jahrmärkten zur Schau stellt. Als die Mutter stirbt, bricht ein Erbstreit um den lukrativen Krüppel aus, der schliesslich elendiglich krepiert, weil man ihm zu viel Schnaps eingeflösst hat usw. — wahrlich ein unappetitliches Sittenbild, aber noch kein Grund, sich "von solcher Kultur zu verabschieden", zu einem Rundumschlag gegen das Luzerner Theater auszuholen und zum Verzicht auf einen Theaterneubau aufzurufen, wie das besagte Leserbriefschreiberin tut.

Donnerstag, 29. März 2012

Doppelter Pukelsheim soll’s richten

Die korrekte Abbildung des Wählerwillens ist ein urdemokratisches Problem, das nie endgültig gelöst werden kann: Für jedes System gibt es ein Dafür und ein Dawider. Seit das Bundesgericht festgestellt hat, dass das Proporzwahlrecht verbunden mit zu kleinen Wahlkreisen zu Ungerechtigkeiten führt, lösen historisch gewachsene Wahlsysteme in der Schweiz Diskussionen aus. Etliche Kantone und Städte haben inzwischen ihr Wahlsystem angepasst, aber ausgerechnet die Urdemokraten in der Zentralschweiz tun sich schwer, gerechtere Methoden einzuführen.

Das Problem: Sind in einem Proporzwahlsystem die Wahlkreise so klein, dass im Parlament nur zwei, drei Sitze zu besetzen sind, braucht es einen Wähleranteil von 30 bis 50 Prozent, um einen Sitz zu ergattern. Kleinere Parteien haben in solchen Wahlkreisen null Chancen. Deshalb verlangen sie jetzt — nach einem wegweisenden Entscheid des Bundesgerichts zu den Wahlkreisen in der Stadt Zürich — in den Kantonen Zug, Schwyz und Nidwalden mehr Wahlgerechtigkeit per Gericht, weil die grossen Parteien, die in diesen zu kleinen Wahlkreisen ihre Sitze praktisch auf Sicher hatten, das System nicht freiwillig ändern wollten.

Noch ungerechter sind die Einerwahlkreise im Majorzsystem, das in Grossbritannien gebräuchlich ist:

Postkarte von Charter88 (2007 mit dem New Politics Network zu Unlock Democracy fusioniert) mit dem Wahlergebnis der Wahl zum Britischen Unterhaus 2005 als Beispiel für das Missverhältnis zwischen absolutem Stimmenanteil und Mandatsverteilung bei einer relativen Mehrheitswahl (Majorzwahl)

Tory-WählerInnen, die in einem von Labour dominierten Wahlkreis wohnen, können an den Wahlen gleich zu Hause bleiben, weil zum Vornherein klar ist, dass nur der Labour-Kandidat Wahlchancen hat und ihre Stimmen verloren sind. Dieses „The winner takes all“-System muss für die notorisch unterlegene Minderheit frustrierend sein.

Mit Ausnahme von Luzern bilden in allen Kantonen der Innerschweiz die Gemeinden gleichzeitig auch die Wahlkreise für die Wahlen ins kantonale Parlament, das je nach dem Grosser Rat, Landrat oder ganz banal Kantonsrat heisst. Vielfach sind diese Wahlkreise Einer- oder Zweierwahlkreise – und die Verhältnisse somit durchaus vergleichbar mit dem britischen Majorzsystem. Im Kanton Uri z.B. schicken zehn von zwanzig Gemeinden nur einen Vertreter oder eine Vertreterin in den 64-köpfigen Landrat. In diesen Gemeinden wird konsequenterweise auch im Majorzsystem gewählt. Im Proporzsystem erachtet das Bundesgericht ein Quorum von 10 Prozent oder darunter als erstrebenswert – das heisst: In einem Wahlkreis müssen mindestens 10 Sitze zu vergeben sein. Dieses Kriterium erfüllen aber sowohl im Kanton Uri als auch in Ob- und Nidwalden nur je eine Gemeinde, nämlich die Hauptorte Altdorf, Stans und Sarnen. Nicht viel besser ist es in den Kantonen Schwyz und Zug: Im Kanton Zug können nur 3 von 11 Gemeinden, im Kanton Schwyz 3 von 30 Gemeinden 10 oder mehr Sitze im kantonalen Parlament beanspruchen.

Kanton Parlament
Total Sitze
Anzahl
Gemeinden
davon Gemeinden mit
1 - 2 Sitzen 3 - 9 Sitzen 10 u.m. Sitzen
Uri Landrat
64 Sitze
20 12 7 1
Schwyz Kantonsrat
100 Sitze
30 17 10 3
Obwalden Kantonsrat
55 Sitze
7 *) 6 1
Nidwalden Landrat
60 Sitze
11 1 9 1
Zug Kantonsrat
80 Sitze
11 2 **) 6 3

*) In Obwalden hat jede Gemeinde Anspruch auf mindestens 4 Sitze.
**) In Neuheim wurden 2010 nur 2 Kandidaten aufgestellt und in stiller (!) Wahl gewählt.

Etliche Kantone (Zürich, Aargau und Schaffhausen) und Städte (Zürich und Winterthur) haben inzwischen das Problem von zu vielen unterschiedlich grossen Wahlkreisen gelöst — mit dem doppelten Pukelsheim. Diese "Doppeltproportionale Divisormethode mit Standardrundung" wurde vom Mathematiker Friedrich Pukelsheim entwickelt. In einem ersten Schritt werden auf der Basis der Wähleranteile im ganzen Wahlgebiet die Sitze auf die Parteien verteilt. In einem zweiten Schritt werden die Sitze der Parteien den Wahlkreisen zugeteilt und zwar so, dass die Sitzverteilung in jedem Wahlkreis möglichst gut die Wähleranteile wiederspiegelt. Dabei kann es aber durchaus vorkommen, dass eine Partei in einem Wahlkreis mehr Sitze bekommt als eine andere Partei mit höherem Stimmenanteil.

Der Nidwaldner Landrat, Bildquelle: www.luzernerzeitung.ch

Vorgestern hat der Nidwaldner Landrat den Wechsel des Wahlsystems zum Doppelten Pukelsheim beschlossen — entscheidend war wohl, dass so die bisherigen Wahlkreise beibehalten werden können. Aber auch die Kantone Schwyz und Zug sind bundesgerichtlich aufgefordert, ihre Wahlsysteme gerechter zu gestalten. Zug wird dem Pukelsheim-Club wahrscheinlich ebenfalls beitreten und auch in Uri wird dieses Wahlsystem diskutiert. Nur in Obwalden tut sich wenig: Hier fordert die Junge CVP die Rückkehr zum früheren Majorzverfahren, das Experiment Proporz habe sich nicht bewährt.

Aber warum tut sich die Zentralschweiz so schwer mit der Einführung von gerechteren Wahlsystemen? Erstens verteidigen die alteingesessenen und grossen Parteien ihre Pfründe, zweitens ist der Doppelproporz neu und sein Erfinder, Friedrich Pukelsheim kommt aus dem "Grossen Kanton", was beides suspekt ist, drittens wurde das neue System zuerst in Zürich eingeführt, was ebenfalls suspekt ist. Dabei ist nicht alles schlecht, was aus Zürich kommt!

Sonntag, 18. März 2012

Welcome to Züri-Süd

Inspiriert von Thomas Widmers Wanderkolumne im Tagi und seinem Wanderblog WidmerWandertWeiter führte die gestrige Wanderung uns wieder einmal in die Agglo von Züri-Süd. Wenn die BerglerInnen nach der Abstimmung über die Zweitwohnungsinitiative meinen, wir UnterländerInnen müssten zuerst etwas tun gegen die Zersiedelung vor unserer Haustüre, bevor wir sie bevormunden und ihnen den Bau von Ferienhäusern verbieten, habe ich angesichts des Agglo-Breis ein gewisses Verständnis!

Zum Vergrössern auf die Karte klicken! Quelle der Karte: map.geo.admin.ch

Gestern haben wir uns aufgerafft und sind mit dem Schnellzug nach Rotkreuz, dem Ausgangspunkt unserer Wanderung, gefahren.

1 Boomendes Rotkreuz



Zuerst eine Warnung: Das Lesen dieses Wanderwegweisers am Bahnhof Rotkreuz kann Ihre Gesundheit gefährden, weil er für FussgängerInnen äusserst ungünstig neben der Parkhausausfahrt platziert ist.

Seit die A4 durchs Säuliamt nach Zürich offen ist, boomt Rotkreuz, das zur steuergünstigen Zuger Gemeinde Risch gehört, noch mehr: In der Industrie- und Gewerbezone hinter dem Bahnhof haben sich etliche Hauptsitze grosser Unternehmen angesiedelt: z.B. Roche Diagnostics, AMC International und die Doppelmayr-Garaventa Group. Weitere grosse Firmen, wie 3M, die Komax Holding, die SFS Holding oder Panasonic, haben hier einen Ableger. Von Headquarter Economy zu reden wäre dann aber doch etwas übertrieben, aber mit den 1700 Arbeitsplätzen von Roche Diagnostics sowie den beiden Fortbildungszentren von Hoffmann-La Roche und Novartis entsteht ein regionaler Pharma-Cluster.

2 Fisch oder Krebs?

Dieses Bild beinhaltet die ganze Ambivalenz der Agglo:
Vorne erinnern zwei sorgfältig präsentierte Mühlsteine an die rural geprägte Vergangenheit, hinten kündet ein Wald von Profilstangen den Bau von Wohnungen für die neuen Arbeitskräfte von Roche an.

Nur wenige Schritte weiter waren zwei Kinder an einem Bächlein am Fischen. Ultimativ fragten sie uns: Fisch oder Krebs? Und obwohl sie weder das eine noch das andere gefangen hatten und insgeheim auch wussten, dass es nie dazu kommen wird, drohten sie uns, dass wir den Fang lebendig verspeisen müssten.

Doch wir hatten keine Zeit, um im Trüben zu fischen, wir wollte weiter aufs Michelskreuz.

3 Agglo-Patchwork


So sieht die Zersiedelung in Züri-Süd aus: Ein dichtes Geflecht aus Bahnlinien, Autobahnen und Strassen erschliessen ein planerisches Patchwork aus Wohn- und Gewerbezonen. Darum herum als Naherholungszone genutztes Landwirtschaftsgebiet mit periurbanen Bauernhäusern.

4 Interessantes am Wegrand

Abgesehen vom Agglo-Patchwork gab es am Wegrand allerlei Interessantes zu sehen: einen wenig vertrauenserweckenden Hochstand für Jäger, erste Frühlingsblumen und das Gewusel eines grossen Waldameisenhaufens.

5 Aussicht vom Michelskreuz




Oben: Auf dem höchsten Punkt unserer Wanderung auf knapp 800 m.ü.M. steht die Kapelle Michaelskreuz. Hier soll Erzengel Michael himself einem Einsiedler erschienen sein und ihm befohlen haben, ein Kreuz zu errichten. Was mich jedoch mehr faszinierte, ist der mächtige Baum neben der Kapelle.

Mitte: Um das Panorama wirklich geniessen zu können, war es zu diesig. Blickt man nach Norden, sieht man ins Reusstal und ins Mittelland. In der Bildmitte ist die Papierfabrik Perlen auszumachen, die in Zukunft dank der Energie aus der hier geplanten Kehrrichtverbrennungsanlage ökologischer produzieren wird.

Unten: Im Süden wird das milchige Panorama durch die Rigi dominiert, links davon der Zugersee und der Wildspitz.

6 Gault Millau-Güggeli

Als wir den Weg zum Gasthaus Michaelskreuz runtergingen, war der Parkplatz vor der Ausflugsbeiz verdächtig leer und mir schwante Ungemach. Und tatsächlich: Das Gasthaus war wegen Betriebsferien zu und Frau Frogg reichlich sauer. Während Wanderkolumnist Widmer hier nur Kaffee trank, weil es fürs Mittagessen noch zu früh war, blieb uns nichts anderes übrig, als die stündige Wegetappe nach Udligenswil unter die Füsse zu nehmen. Und wenn schon Wandern mit Widmer, dann auch Essen mit Widmer: Auch wir kehrten im Frohsinn ein, der mit 14 Gault-Millau-Punkten dekoriert ist und ausgezeichnete Güggeli serviert.



Ich bekam einen sauren Most gegen den Durst und Frau Frogg musste gegen ihren Willen einen Nüsslisalat essen, dennoch hellte sich ihre Mine deutlich auf.


Auch in Udligenswil ist die Agglomeration noch nicht fertig gebaut: Am Sonnenhang mit Aussicht auf ein prächtiges Panorama kündigen Profilstangen die Erweiterung der Einfamilienhaus-Plantage an. Am besten gedeihen die Hüsli an sonnigen Hängen mit Seesicht und Blick in die Berge.

Die Zürcher Kantonalbank kann jetzt gemäss einem Bericht der heutigen Sonntagszeitung den Wert des Panoramas berechnen: "Sind 16 oder mehr dominante Gipfel zu sehen, muss man mit einem Mietaufschlag von zehn Prozent rechnen, bei Uferlage (an einem See) kommen weitere sieben Prozent hinzu. Seesicht allein verursacht einen Aufschlag von drei bis fünf Prozent, zunehmende Distanz zum See reduziert ihn jedoch wieder. Insgesamt kann die Aussicht auf Seen und Berge ein Objekt bis zu 21 Prozent verteuern." Die Aussicht auf berühmte Gipfel kann allerdings noch teurer sein: Vor Einführung der Beschränkung von neuen Zweitwohnungen in Zermatt rechtfertigte der Ausblick aufs Matterhorn einen Aufpreis von 20 bis 30 Prozent. Das sind teure Aussichten!



7 Die Lücke im Hügelzug

Zum Vergrössern aufs Bild klicken!

Dieses Panorama zeigt ausser dem Pilatus keine wertvollen Gipfel und auch keinen See, sondern das Götzetal, das zwischen Udligenswil und Adligenswil den Hügelzug durchbricht.

8 Ein Frühlingsgruss



Der Frühling lässt grüssen — mit ersten aufbrechenden Knospen an einer schützenden Hauswand. Und während Widmer weiter wanderte, hatten wir in Adligenswil genug und nahmen das Postauto nach Luzern.
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